Wien (OTS) – Bei einer Sepsis zählt jede Minute. Wird die
fehlregulierte Reaktion
des Körpers auf eine Infektion zu spät erkannt und behandelt, können
innerhalb kurzer Zeit lebenswichtige Organe versagen. Neue
internationale Leitlinien sehen präzisere Empfehlungen vor, wie
Sepsis möglichst früh erkannt, rasch behandelt und Patient:innen auch
nach überstandener Erkrankung weiter betreut werden sollen.
Darauf macht die Österreichische Gesellschaft für
Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) anlässlich
des Welt-Sepsis-Tages am 13. September aufmerksam.
Die im März 2026 veröffentlichten internationalen Leitlinien der
Surviving Sepsis Campaign (SSC) – einer gemeinsamen Initiative der
Society of Critical Care Medicine (SCCM) und der European Society of
Intensive Care Medicine (ESICM) – aktualisieren die Empfehlungen. Sie
reichen von Früherkennung und Diagnostik über Antibiotikatherapie und
Kreislaufstabilisierung bis hin zur Betreuung nach dem
Krankenhausaufenthalt.
»Die neuen Leitlinien zeigen sehr deutlich, worauf es bei Sepsis
ankommt: Wir brauchen eine Versorgungskette, in der ein Verdacht
möglichst früh erkannt wird und die notwendigen diagnostischen und
therapeutischen Schritte ohne vermeidbare Verzögerungen
ineinandergreifen.«, erläutert Prim. Priv.-Doz. Dr. Michael Zink,
Präsident der ÖGARI.
Zwtl.: Sepsis schneller erkennen
Ein Schwerpunkt der neuen Empfehlungen ist die möglichst frühe
Erkennung einer Sepsis. Standardisierte Frühwarnsysteme sollen
Veränderungen wichtiger Körperfunktionen wie Blutdruck, Puls, Atmung,
Temperatur und Bewusstseinslage rechtzeitig erfassen. Die Leitlinien
empfehlen dafür ausdrücklich etablierte Score-Systeme wie NEWS,
NEWS2, MEWS oder die SIRS-Kriterien und raten davon ab, sich allein
auf den qSOFA-Score zu stützen. Die Mitglieder der ÖGARI sind hier
auch aktiv in der Forschung tätig. Zum einen bieten neue Techniken
der Datenanalyse neue Möglichkeiten der Früherkennung, zum anderen
können Miniaturüberwachungsgeräte, sogenannte Wearables engmaschig
wichtige Patientendaten übermitteln.
Denn auch weiterhin gilt: Sepsis ist eine klinische Diagnose und
lässt sich nicht durch einen einzelnen Test bestätigen oder
ausschließen. Entscheidend ist das Gesamtbild. Zusätzlich sollen bei
Verdacht unter anderem Laktatwert und Blutkulturen bestimmt werden –
ohne die notwendige Behandlung zu verzögern.
Zwtl.: Antibiotika: Bei Sepsis zählt jede Stunde
Besonders klar sind die Empfehlungen zur Antibiotikatherapie: Bei
septischem Schock sowie bei wahrscheinlicher oder gesicherter Sepsis
sollen Antibiotika sofort, möglichst innerhalb einer Stunde,
verabreicht werden. Ist eine Sepsis zunächst nur möglich und liegt
kein Schock vor, soll rasch abgeklärt und bei erhärtetem Verdacht
innerhalb von drei Stunden mit der Antibiotikatherapie begonnen
werden.
Zwtl.: Kreislauf rasch stabilisieren
Ebenso wichtig ist es, den Kreislauf zu stabilisieren und die
Versorgung der Organe sicherzustellen. Dafür werden Flüssigkeit und
bei Bedarf Medikamente zur Stabilisierung des Blutdrucks eingesetzt.
Die Behandlung wird dabei laufend an den Zustand der Patient:innen
angepasst. »Bei einer Sepsis greifen viele Maßnahmen ineinander:
rasche Diagnostik, Antibiotikatherapie, Kreislaufstabilisierung und
engmaschige Überwachung. Entscheidend ist, dass diese Maßnahmen rasch
und koordiniert erfolgen.«, betont Univ.-Prof. DDr. Stefan Schaller ,
MHBA, Professor für Anästhesie und anästhesiologische Intensivmedizin
und Leiter der Universitätsklinik für Anästhesie, allgemeine
Intensivmedizin und Schmerztherapie an der Medizinischen Universität
Wien und am Universitätsklinikum AKH Wien.
Zwtl.: Die Versorgung endet nicht mit dem Überleben
Ein weiterer Schwerpunkt der Leitlinien betrifft die Genesung
nach der Akutphase. Nach schwerer Sepsis und intensivmedizinischer
Behandlung können körperliche, kognitive und psychische
Beeinträchtigungen länger fortbestehen – etwa Muskelschwäche,
verminderte Belastbarkeit, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme
oder psychische Belastungen. Diese können Teil eines Post-Intensive-
Care-Syndroms (PICS) sein.
Die internationalen Leitlinien empfehlen deshalb, Patient:innen
und ihre Familien bereits vor der Entlassung über mögliche Folgen
einer Sepsis und einer intensivmedizinischen Behandlung zu
informieren. Darüber hinaus empfehlen sie, Überlebenden einer
kritischen Erkrankung strukturierte Nachsorgeangebote zu machen, nach
längerer Beatmung eine physische Rehabilitation anzubieten und
psychische Folgen aktiv zu berücksichtigen.
Univ.-Prof. DDr. Stefan Schaller betont: »Unser Ziel darf nicht
allein sein, dass Patient:innen eine lebensbedrohliche Erkrankung
überleben. Entscheidend ist auch, wie sie in ihr Leben zurückkehren.
Die Behandlung einer Sepsis endet deshalb nicht mit der Entlassung
aus der Intensivstation: Mögliche körperliche, kognitive und
psychische Langzeitfolgen müssen früh erkannt und Betroffene gezielt
unterstützt werden. Deshalb haben wir kürzlich am
Universitätsklinikum AKH Wien dafür eine eigene Ambulanz für das Post
-Intensive-Care-Syndrom eingerichtet.«
Zwtl.: Leitlinien als Grundlage einer durchgängigen Versorgung
Für die ÖGARI unterstreichen die neuen internationalen
Empfehlungen die Bedeutung klar strukturierter Behandlungspfade. In
Österreich steht dafür zusätzlich das ÖGARI-Konsensuspapier zur
Prävention, Diagnostik, Behandlung und Nachbetreuung von Sepsis aus
2023 zur Verfügung.
»Vom ersten Verdacht über die Akutbehandlung bis zur Nachsorge
darf möglichst keine Lücke entstehen.«, fasst Prim. Priv.-Doz. Dr.
Michael Zink, Präsident der ÖGARI, zusammen. »Die aktuellen
Leitlinien geben uns dafür eine wissenschaftlich fundierte Grundlage.
Entscheidend ist nun, diese Empfehlungen konsequent in
funktionierende Versorgungsabläufe zu übersetzen.«
Die Leitlinien im Volltext:
https://www.sccm.org/survivingsepsiscampaign