Wien (OTS) – Spätestens seit dem 1970er Jahren haben Hunderttausende
Österreicherinnen und Österreicher ein neues Lieblingsziel: die
Strände der oberen Adria Italiens. Dort werden aus einstigen
Fischerorten große, neue Ferienzentren. Und in diesen Ferienzentren
entdecken die Touristinnen und Touristen neue Geschmäcker: Pasta,
Pizza und Olivenöl. Die Österreicher fühlen sich dort so wohl, dass
sogar die österreichische Innenpolitik im Sommer Wahlkampfversuche
zwischen Lignano und Jesolo unternimmt. Vergessen jedenfalls scheint
die Zeit, da sich Österreich und Italien gerade in diesem
Territorium, am Unterlauf des Flusses Piave, feindlich
gegenübergestanden waren. In Bibione oder „Tschesolo“, wie der Wiener
gerne sagt, waren alle nun auch irgendwie daheim.
Seit den 1970ern soll eine neue Geschichte zwischen beiden
Ländern geschrieben werden, die auch ehemalige Gräben zu überwinden
vermag: das Risorgimento, die Grenzziehungen nach 1918 und 1945 –
nicht zuletzt aber auch die lange belastende Südtirol-Frage, die mit
dem sogenannten „Autonomiepaket II“ in wesentlichen Punkten
entschärft werden kann. Fortan kümmert die Österreicherinnen und
Österreicher, wenn sie über die Grenze fahren, wie viele Nullen beim
Umwechseln auf den Lire-Scheinen stehen – oder ob irgendwo irgendwer
wieder streikt. Allgemeine Geschichte zwischen den Ländern wird
aufgeladen durch persönliche Geschichte, die weit über eine
Generation weitergegeben wird.
Für die neue „Menschen & Mächte“-Dokumentation „Österreich,
Italien und das Meer: Sehnsucht Adria“ von Florian Höllerl bricht die
Schauspielerin Julia Cencig am Donnerstag, dem 7. Mai 2026, um 21.05
Uhr in ORF 2 und auf ORF ON an die obere Adria auf, in der sie selbst
zahlreiche Urlaube mit ihren Kindern verbracht hat. Cencigs Reise
wird aber zu einer Reise zurück in die eigene Familiengeschichte.
Denn nicht nur Südtirol markiert eine langwährende offene Wunde
zwischen Österreich und Italien. Auch das Kanaltal, die Gegend
zwischen Tarivs und Pontebba, wo die Karnischen und Julischen Alpen
auf die Karawanken treffen, hat eine verdrängte Vergangenheit: Die
Richtlinien für die Rückwanderung der deutschsprachigen Bevölkerung
aus Südtirol in das nationalsozialistische Deutsche Reich, die
sogenannte „Südtiroler Option“ vom 21. Oktober 1939, fand auch auf
die Deutschsprachigen des gemischtsprachigen Territoriums von Tarvis
ihre Anwendung. 98 Prozent der deutsch- sowie 91 Prozent der
slowenischsprachigen Kanaltaler entschieden sich damals für eine
Abwanderung in das Deutsche Reich. Einer davon war Julia Cencigs
Großvater, der mit ihrer aus Kärnten stammenden Mutter vor 1939 in
Reibel am Fuß des Predel-Passes wohnte. Zuhause sprachen der
slowenische Großvater und die österreichische Großmutter Italienisch.
Als die Familie Reibel verlässt und der Großvater den für ihn
tödlichen Schritt in die Wehrmacht setzt, konnte er sich auf Deutsch
gar nicht verständigen.
Reibel, die alte Bergwerkstatt, die noch von den Spuren der
Monarchie erzählt, kannte ein Gemisch an Sprachen, auch in der Zeit,
als Ettore Tolmei, der Erfinder des Begriffs „Alto Adige“, aus Reibel
längst den Ort „Cave del Predil“, die Höhlen des Predel-Passes,
gemacht hatte. Am Ort mit diesen offenen Fragen sucht Cencig die
letzten Erinnerungen an ihre Familie und den Ort, an dem ihr Vater
geboren wurde – ein Mensch, der seinen leiblichen Vater nie
kennenlernen sollte, der aber die Italien-Sehnsucht als Italienisch-
Lehrer zum Erziehungsprojekt gegenüber seinen Kindern machen sollte.
Mit dem Gepäck dieser Familiengeschichte bricht Julia Cencig in der
von MetaFilm produzierten ORF-Auftragsproduktion wie einst auf an die
Orte der oberen Adria und findet Geschichten von Familien, die seit
mehr als einer Generation auf die Fischbestände, Hotels oder auch
Strandliegen dieser Gegend schauen. Von den Einheimischen erfährt
sie, wie die Österreichinnen und Österreicher mit ihrer Sehnsucht an
der Adria angekommen sind – und welche Folgen der Massentourismus für
die Orte hat, die sich in der Nebensaison zu immer größeren
Geisterstädten entwickeln.





