Weltmilchtag: Heimische Milchbauern am Puls der Zeit – Herausforderungen bleiben aber groß

Graz (OTS) – Im Wettbewerb mit internationalen Großbetrieben. 85
Prozent der
steirischen Milch stammen von Bergbauernhöfen in meist steilen Lagen.
Die Arbeit unter alpinen Bedingungen ist sehr aufwendig, vielfach
risikoreich und kostenintensiver. Gleichzeitig erfüllen die
heimischen Milchbäuerinnen und Milchbauern, deren Betriebe im
internationalen Vergleich klein sind, die aber im globalen Wettbewerb
stehen, hohe gesellschaftliche Qualitätsansprüche:
Gentechnikfreiheit, laufend verschärfte Tierhaltungsstandards, die
hohe Mehrkosten verursachen – das alles unterscheidet sie von
internationalen Großbetrieben. „Die heimischen Milchbäuerinnen und
Milchbauern müssen täglich den Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit im
alpinen Umfeld, hohem Tierwohl und Nachhaltigkeit schaffen“,
verdeutlicht Landwirtschaftskammer-Präsident Andreas Steinegger den
Druck, mit dem die heimischen Betriebe täglich konfrontiert sind. Die
heimischen Rinderbauern veredeln jedoch natürliches Grünland zu
proteinreichen Lebensmitteln wie Milch und Fleisch.

Milchviehbetriebe am Puls der Zeit – moderne Technik ist teuer,
schafft Arbeitserleichterungen, mehr Tierwohl und Tiergesundheit

Proaktiv treiben die heimischen Milchbäuerinnen und Milchbauern
den technischen Wandel voran, bei dem Mensch und Tier im Fokus
stehen. Technische Innovationen wie automatische Futteranschieber,
Sensoren für die Herden- und Gesundheitsbeobachtung, neue Melktechnik
und Melkroboter, rotierende Bürsten zur Pflege sowie automatische
Entmistungstechnik halten Einzug in die Milchviehställe.
„Hauptbeweggründe für die Anschaffung moderner Technik sind, den
enormen Zeitdruck zu reduzieren, die tägliche intensive körperliche
Arbeit in der Milchwirtschaft zu erleichtern und Tiergesundheit sowie
Tierwohl zu erhöhen“, betont Steinegger. Und er präzisiert: „Sensoren
oder auch Melkroboter erfassen viele Daten, die sofort via App am
Handy verfügbar sind, sodass durch rasches Agieren der Tierhalter die
Tiergesundheit und das Tierwohl gefördert werden.“ Allerdings sind
Investitionen in moderne Technik sehr kostenintensiv, dazu kommen
noch die Betriebs- und Wartungskosten.

Milcherzeugung muss sich rechnen

„Unabhängig von der Größe müssen die Milchviehbetriebe ein
verlässliches Einkommen erzielen können, um weiterhin hochwertige
Milch zu produzieren. Der hohe Arbeits- und Zeitaufwand sowie das
unternehmerische Risiko verdienen einen angemessenen Preis“,
unterstreicht Steinegger. Die heimischen Milchbauern produzieren
unter hohen Auflagen, die ständig hinaufgeschraubt werden und
folglich zusätzliche Investitionen zum Beispiel in den Stallumbau
bewirken. Programme wie Bio-, Heumilch oder das Label „AMA
Tierhaltung Plus“ bieten Chancen, erhöhen aber gleichzeitig die
Produktionskosten und die Anforderungen an Dokumentation und
Kontrolle. Diese Nachhaltigkeitsstandards bringen zwar ein positives
Image, aber auch höhere Produktionskosten, die nicht immer durch den
Erzeugermilchpreis gedeckt sind. Heuer verstärken zudem rückläufige
Erzeugermilchpreise bei gestiegenen Produktionskosten durch
explodierende Kosten für Treibstoffe, Energie, Dünger und andere
Betriebsmittel sowie die großen klimawandelbedingten Trockenschäden
bei Grünland die angespannte wirtschaftliche Lage der
Milchviehbetriebe zusätzlich. Innerhalb eines halben Jahres ist der
Erzeugermilchpreis um 23 Prozent auf 42,9 Cent pro Liter exklusive
Mehrwertsteuer zurückgegangen.

Milchviehhaltung erfordert großes Wissen

In den vergangenen Jahren haben viele Milchviehbetriebe im
Berggebiet Ställe umgebaut und erweitert, um die ständig steigenden
Anforderungen und höheren Standards zu erfüllen. Mit fundierter
Fachberatung durch die Landwirtschaftskammer haben sich vor allem
kleinere Betriebe in besonders steilen Lagen Perspektiven geschaffen.
Zudem unterstützt die Landwirtschaftskammer durch die
Arbeitskreisberatung. „Besonders bewährt haben sich die Arbeitskreise
Milch, bei denen die innerbetriebliche Kostenstruktur optimiert und
besonderes Augenmerk auf Effizienz und nachhaltiges Wirtschaften
gelegt wird“, betont Steinegger und verweist auf diesbezügliche
Erfolge.

Milchbäuerin Heidi Kaufmann-Ferstl aus Trofaiach: „Moderne
Technik ist auf unserem Milchviehbetrieb nicht mehr wegzudenken. Der
Melkroboter erleichtert zum Beispiel die schwere körperliche Arbeit
und schafft mehr Tiergesundheit und Tierwohl“, unterstreicht Heidi
Kaufmann-Ferstl , die seit ihrem 18. Lebensjahr erfolgreiche
Milchbäuerin und Rinderzüchterin ist. Für sie haben eine gute
Ausbildung sowie ständige Weiterbildungen einen sehr hohen
Stellenwert. Herausfordernd sind für Kaufmann-Ferstl die enormen
Preisschwankungen bei den Erzeugermilchpreisen, die eine Planbarkeit
schwierig machen. Heidi Kaufmann-Ferstl: „Für mich ist es sehr
wichtig, die betriebswirtschaftlichen Zahlen zu kennen und
unternehmerisch zu handeln, wobei ich besonderen Wert auf die
Langlebigkeit und Vitalität der Tiere lege.“ Als Mitglied der
Weiterbildungsinitiative „Arbeitskreis Milch“ der
Landwirtschaftskammer dreht die erfolgreiche Milchbäuerin konsequent
an diesen Stellschrauben.

Strategien der heimischen Molkereien, den Produzenten
bestmöglichen Erzeugermilchpreis zu zahlen:

Molkerei-Obmann Jakob Karner, Obersteirische Molkerei mit Sitz in
Knittelfeld und Kapfenberg: „Wir setzen auf Nischenprodukte. Das sind
einerseits unsere Käse-Spezialitäten, konkret unsere naturgereiften
Hartkäse, die bei den Käseweltmeisterschaften in Wisconsin/USA stets
im Spitzenfeld landen. Andererseits generieren wir für die
Milchbäuerinnen und Milchbauern mit unseren diversifizierten
Spezialmilchsorten – wie Heumilch, Biomilch und der österreichischen
gentechnikfreien Qualitätsmilch – eine höhere Wertschöpfung.“ Und
weiter: „Zudem punkten wir im Export, insbesondere in Deutschland,
mit unseren höherpreisigen, ausgezeichneten Käsespezialitäten wie
Erzherzog Johann-Käse, Bergkäse sowie Weinkäse bei kaufkräftigeren
Schichten.“

Mit 1.200 Lieferanten und der Verarbeitung von 188 Millionen Kilo
Milch pro Jahr gehört die Obersteirische Molkerei (OM) mit Sitz in
Knittelfeld und Kapfenberg mittlerweile zu den eher kleineren
Molkereigenossenschaften in Österreich. Verarbeitet werden etwa fünf
Prozent der österreichischen Milch.

Aufsichtsratsvorsitzender Andreas Radlingmaier. „Durch die
Spezialisierung und ständige Innovationen schaffen wir mehr
Wertschöpfung. Alleinstellung hat die Ennstal Milch seit einigen
Jahren bei Getränken wie Eiskaffee und Milchmischgetränken in der
umweltfreundlichen Kartondose CartoCan®, die wir für internationale
Markenartikler herstellen. Die bekannte italienische Kaffeemarke
Lavazza wird demnächst Eiskaffee von der Ennstal Milch auf den Markt
bringen“, freut sich Andreas Radlingmaier, Aufsichtsratsvorsitzender
der Ennstal Milch. 40 nationale und internationale Kunden beziehen
Eiskaffee von der Ennstal Milch, hergestellt wird auch Eiskaffee für
Maresi und Alnatura, den es bei dm und in Reformhäusern gibt.
Investitionen in aseptische Abfüllanlagen waren die Voraussetzung für
diesen Erfolgsweg.

Auch im Käsebereich stellt die Ennstal Milch besondere
Spezialitäten für Markenartikel her. Als Beispiele nennt Radlingmaier
Weichkäse wie Camembert, Kaisertaler, Dolce Bianca oder Österkron,
die kaufkräftigen Käuferschichten ansprechen.

Mit 580 Lieferanten und der Verarbeitung von 92 Millionen Kilo
Milch pro Jahr, davon 24 Prozent Bioanteil, gehört die Ennstal Milch
mit Sitz in Stainach zu den eher kleineren Molkereigenossenschaften
in Österreich.

Johann Loibner, Berglandmilch, Vorstand Berglandmilch: „Mit
modernster Verarbeitungstechnik und innovativen Produkten verfolgen
wir das Ziel, den Geschmack der Konsument:innen zu treffen. Mit
proteinreichen Produkten wie Frischkäse, Landfrischkäse und
proteinreichen Puddings liegen wir voll im Trend. Im
Frischkäsebereich bauen wir unsere Kapazitäten sogar aus, um die
stark steigende Nachfrage bedienen zu können. Ebenso bringen Greek-
Joghurts und funktonale Milchprodukte wie Lattella Glow auf den
Markt. Und mit unseren Milchprodukten im Glas sind wir einzigartig in
Österreich und leisten einen wesentlichen Beitrag zur
Nachhaltigkeit“, betont Bergland-Vorstand Johann Loibner. Und weiter:
„Neben den Frischeprodukten setzen wir stark auf Käse. In unserer
Käserei in Voitsberg stellen wir mehr als 50 verschiedene Käsesorten
her. Durch unsere speziellen Käse wie den Mosbacher, den Jerome oder
den Asmonte und unsere Exportschlager griechischer Hartkäse oder
Edamer Kugeln schaffen wir höhere Wertschöpfung für unsere
Milchbauern.

Besonders hebt Loibner hervor, dass die Steigerung bei den
Energiekosten durch die Umstellung auf Hackschnitzel in allen
Berglandmilchwerken wesentlich abgefedert werden konnte: „Wir sind
jetzt unabhängig von russischem Gas und die Wertschöpfung bleibt im
Land. Unsere Milchlieferanten sind auch Energielieferanten.“

Die Berglandmilch ist die größte Molkerei Österreichs. Der
Branchenprimus hat 8.000 Lieferanten in Österreich, davon 1.400 in
der Steiermark. Verarbeitet werden jährlich 1,3 Milliarden Kilo
Milch, davon 250 Millionen Kilo in der Steiermark.

Zahlen und Fakten

Die steirischen Milchviehbetriebe werden jährlich weniger, die
Anlieferungsmenge ist mit etwa 567.000 Tonnen im Vorjahr leicht
gestiegen. Die Betriebe wachsen langsam, stoßen vor allem im
Berggebiet bereits an ihre Grenzen. Der durchschnittliche
Milchviehbetrieb hält in der Steiermark 23,9 Kühe (2025), im Jahr
2020 waren es 19,3 Kühe. Im internationalen Vergleich sind unsere
Betriebe klein: die Slowakei hält im Schnitt 277 Milchkühe,
Neuseeland 440, Dänemark 236 oder Deutschland 73 Kühe. 2025 gab es in
der Steiermark 3.385 Milchviehbetriebe, 2024 waren es 3.483. Zwei
Drittel davon sind Nebenerwerbsbetriebe – Milchviehhalter mit zwei
Jobs. Ein Viertel der Betriebe sind Biobetriebe.