Wien (OTS) – Unter dem Titel „Wirr und Wir. Was ist schon normal?“
diskutierten am
Donnerstag rund 70 Expert:innen aus dem Gesundheits- und
Sozialbereich im Haus der Barmherzigkeit über psychische
Erkrankungen, Delir und gesellschaftliche Vorstellungen von
Normalität. Im Fokus standen die häufige Verwechslung von Delir und
Demenz sowie die Frage, wie eine bedarfsgerechte Versorgung von
Menschen gelingen kann, die nicht dem gesellschaftlichen Bild von
„Normalität“ entsprechen. „Menschen mit psychischen Erkrankungen
verdienen dieselbe Würde und Lebensqualität. Eine psychische
Erkrankung kann jeden Menschen treffen, insbesondere auch im Alter“,
betonte Christoph Gisinger, Institutsdirektor des Haus der
Barmherzigkeit, bei der Eröffnung der Fachveranstaltung.

Zwtl.: „Die Grenzen der Normalität sind fließend.“

Der Psychologe und Autor Leon Engler setzt sich in seinem viel
beachteten Debütroman „Botanik des Wahnsinns“ aus autofiktionaler
Perspektive mit psychischen Ausnahmezuständen auseinander. In seinem
Impulsvortrag hinterfragte er die vermeintlich klare Grenze zwischen
„normal“ und „nicht normal“. Dabei zeigte er auf, dass psychiatrische
Diagnosen nicht nur individuelle Zustände beschreiben, sondern auch
gesellschaftliche Vorstellungen ihrer Zeit widerspiegeln. „Gerade im
Seelischen sind die Grenzen fließend. Diagnosen sind Zeitdiagnosen
und verraten ebenso viel über jene, die sie erhalten, wie über jene,
die sie stellen“, so Engler.

Zwtl.: Delir: Akutes Hirnversagen statt Altersschicksal

Ein Delir wird im Versorgungsalltag oft als Demenz
fehlinterpretiert. Tatsächlich ist es aber ein akutes Organversagen
des Gehirns, das bei rascher Behandlung potenziell reversibel ist.
Michael Lazansky, Leiter der Gerontopsychiatrie im Haus der
Barmherzigkeit, warnte in seiner Keynote vor einem „zermürbenden
Drehtüreffekt“. „Wer akute Verwirrtheit als vitalen medizinischen
Hilferuf begreift, überwindet den therapeutischen Nihilismus“,
betonte Lazansky. Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigt die
gerontopsychiatrische Schwerpunktstation im HB Pflegekrankenhaus
Tokiostraße seit über einem Jahrzehnt. Das Team setzt dort auf
evidenzbasierte Standards, wie gezieltes Absetzen delirogener
Medikamente und Beziehungsarbeit. „Wir möchten hier erreichen, dass
Normalität im Alter keine Frage des Schemas, sondern der Würde
bleibt“, so Lazansky abschließend.

Zwtl.: „Normalität“ im Versorgungsalltag neu denken

Zudem brachten Athe Grafinger, Geriaterin und
Palliativmedizinerin bei der NÖ Landesgesundheitsagentur, sowie
Birgit Meinhard-Schiebel, Präsidentin der Interessengemeinschaft
pflegender Angehöriger, ihre Perspektiven in die vom Journalisten
Köksal Baltaci moderierte Podiumsdiskussion ein. Im Mittelpunkt des
Austauschs stand wie in der Gesundheitsversorgung nicht die
Erkrankung, sondern der Mensch mit seinen individuellen Bedürfnissen
in den Blick genommen werden kann. Darüber hinaus erörterten die
Teilnehmer:innen, wie sich diese Haltung im Versorgungsalltag
umsetzen lässt und welche Unterstützung Betroffene und ihre
Angehörigen benötigen.

Seit zehn Jahren veranstaltet das Haus der Barmherzigkeit
regelmäßig die Fachveranstaltung „chronisch_konkret“, die sich mit
gesundheitspolitischen und pflegerelevanten Themen befasst. Die
Veranstaltung fand im Seminarzentrum Campus Collegialität im Haus der
Barmherzigkeit statt. Für die kulinarischen Köstlichkeiten zum
Ausklang sorgte SANA Catering.

Zwtl.: Die „Haus der Barmherzigkeit“-Gruppe

Das gemeinnützige Haus der Barmherzigkeit bietet Langzeitpflege
und -betreuung für schwer pflegebedürftige Menschen. In sieben
Pflegeeinrichtungen in Wien und Niederösterreich betreuen wir rund
1.300 Bewohner:innen mit chronischen Erkrankungen. Darunter auch 14
Kinder und Jugendliche im Kinderpflegedomizil FRIDOLINA. Mit HABIT,
dem Haus der Barmherzigkeit Inklusionsteam, bieten wir rund 480
Betreuungsplätze für Menschen mit mehrfachen Behinderungen und hohem
Unterstützungsbedarf in unseren 17 Wohngemeinschaften,
Garconnierenverbünden sowie im zeitlich befristeten Wohnen, fünf
Tageszentren und in der Mobilen Begleitung.

Unsere Leistungen werden durch den Fonds Soziales Wien (FSW) aus
Mitteln der Stadt Wien sowie durch das Land Niederösterreich
gefördert. Neben bestmöglicher pflegerischer, therapeutischer und
medizinischer Betreuung legen wir besonderen Wert auf ein
selbstbestimmtes und abwechslungsreiches Leben. hb.at

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