Perspektivenwechsel im Wald: Vom Holzbedarf zur Kohlenstoffbilanz

Wien (OTS) – Ein Forschungsteam der BOKU University stellt eine
zentrale Frage
neu: Nicht der künftige Holzbedarf soll bestimmen, wie viel genutzt
wird – sondern der notwendige Beitrag der Wälder zum Klimaschutz. Das
Ergebnis ist eindeutig: Nachhaltige Forstwirtschaft bedeutet
geringere Nutzungsintensität und mehr Schutz für Klima und
Biodiversität.

Wie viel Holz darf Österreich nutzen, ohne dem Klima und der
Artenvielfalt zu schaden? Dieser Frage widmete sich das
Forschungsprojekt UNRAVEL der BOKU unter der Leitung von Karlheinz
Erb vom Institut für Soziale Ökologie. Der Ansatz ist neu: Statt
künftige Nutzungsszenarien zu modellieren und deren Auswirkungen zu
berechnen, geht das Projekt vom notwendigen Beitrag der Wälder zu den
Klimazielen aus – und leitet daraus nachhaltige Holzpotenziale ab.
„Wir drehen die Logik um: Nicht der Holzbedarf bestimmt die
Waldnutzung, sondern die Frage, wie viel Kohlenstoff der Wald
speichern muss, um das 1,5- oder 2-Grad-Ziel zu erreichen“, erklärt
Erb.

Zwtl.: Österreichs Wälder verlieren an Klimawirkung

Österreichs Wälder waren lange eine bedeutende Kohlenstoffsenke:
Sie haben mehr CO₂ aus der Atmosphäre aufgenommen als abgegeben. In
den vergangenen Jahren ist ihre Senkenleistung jedoch deutlich
zurückgegangen – es wurde mehr Holz genutzt als nachgewachsen ist.
„Statt Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu entziehen, wurde der Wald
selbst zur Emissionsquelle. Das ist klimapolitisch problematisch“, so
Erb.

Im europäischen Vergleich wird in Österreich der Wald intensiv
genutzt. Gleichzeitig schreitet die Dekarbonisierung anderer Sektoren
(z. B. Verkehr, Industrie) langsamer voran als erforderlich. Dadurch
wird der Wald als Kohlenstoffspeicher noch wichtiger.

Zwtl.: Weniger nutzen – mehr schützen

Ein zentrales Ergebnis der Studie lautet: Klimaschutz und
Biodiversität lassen sich häufig gemeinsam fördern. „Weniger
intensive Nutzung stärkt sowohl die Kohlenstoffspeicherung als auch
die Biodiversität – diese Ziele gehen oft Hand in Hand.“

Besonders alte Wälder mit viel Totholz sowie sehr junge
Waldphasen weisen eine hohe Artenvielfalt auf. Wirtschaftswälder
mittleren Alters sind hingegen biodiversitätsärmer. Es ist daher eine
politische Herausforderung zu differenzieren, welche Flächen intensiv
genutzt und welche gezielt geschützt werden.

Zwtl.: Holz nutzen – aber richtig

UNRAVEL analysierte auch die Klimawirkung unterschiedlicher
Holzverwendungen. Das Ergebnis ist eindeutig: „Holz stofflich zu
nutzen wie im Bauwesen ist klimafreundlicher, als es zu verbrennen.
Energetische Nutzung setzt Kohlenstoff unmittelbar frei.“

Doch auch der Holzbau ist kein Selbstläufer für den Klimaschutz.
Derzeit wird nur ein kleiner Teil des geschlägerten Holzes
langfristig in Gebäuden gebunden – vor allem hochwertige Sortimente.
Große Mengen fließen in kurzlebige Produkte oder in die
Energiegewinnung. „Mit heutiger Technologie kompensiert die Nutzung
im Bauwesen den Kohlenstoffverlust im Wald oft nicht vollständig.
Wenn wir mehr Holz verwenden, müssen wir sicherstellen, dass es
dauerhaft gebunden bleibt.“

Zwtl.: Holz ist keine unbegrenzte Ressource

Holz ist nachwachsend – aber nicht unbegrenzt verfügbar. „Bäume
wachsen über Jahrzehnte. Es ist eine knappe Ressource und zu schade,
um sie einfach zu verbrennen!“ Das Forschungsteam plädiert daher für
eine strategische Nutzung innerhalb klar definierter
Nachhaltigkeitsgrenzen – abgestimmt auf Klimaziele, Biodiversität und
internationale Verpflichtungen.

Zwtl.: Neue Perspektive für Politik und Gesellschaft

Der Ansatz ist international bislang kaum umgesetzt. „Statt vom
derzeitigen Ressourcenbedarf auszugehen, betrachten wir
gesellschaftliche Bedürfnisse und die Integrität der Biosphäre
gleichrangig. Damit liefert unser Projekt wissenschaftliche
Grundlagen für eine ausgewogene Wald- und Holzpolitik im Kontext des
EU-Green-Deal und der Bioökonomie-Strategie“, so Erb. Zugleich zeigt
UNRAVEL erhebliche Wissenslücken auf – etwa bei der Frage, wie sich
zukünftige Störungen wie Trockenheit, Borkenkäfer oder Windwurf
quantitativ auf Kohlenstoffspeicher und Holznutzung auswirken werden,
oder wie lange Holz in Gebäuden tatsächlich verbleibt.