Wien (OTS) – Ein grundlegender politischer Wandel im Iran und eine
anschließende
Wiedereingliederung des Landes in die Weltwirtschaft könnten
erhebliche wirtschaftliche Vorteile für Österreich und Europa
bringen. Das zeigt eine neue Studie eines internationalen Teams von
Ökonomen rund um Mahdi Ghodsi, den Iran-Experten des Wiener Instituts
für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw), und WIFO-Direktor
Gabriel Felbermayr im Auftrag der deutschen Initiative Neue Soziale
Marktwirtschaft (INSM).
„Der Iran lebt seit der Islamischen Revolution von 1979 unter
einem der strengsten Sanktionsregime der Welt und ist vom Westen
weitgehend isoliert. Entsprechend groß wäre das wirtschaftliche
Potenzial einer Öffnung des Landes unter einer neuen Regierung“ ,
sagt Mahdi Ghodsi. „Mehr Handel, niedrigere Energiepreise und eine
effizientere internationale Arbeitsteilung brächten für Europa
deutliche Wohlstandsgewinne. Der Iran ist ein Land mit rund 93
Millionen Einwohnern, dessen Wirtschaft momentan am Boden liegt und
enormes Entwicklungspotenzial hat“ , so Ghodsi.
Allein die Aufhebung der EU-Sanktionen könnte das reale
Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Iran langfristig um mehr als 80%
steigen lassen. Gleichzeitig könnte die Wirtschaftsleistung in der EU
und in Österreich dadurch um 0,3% bzw. 0,5% wachsen. Das entspricht
einem zusätzlichen Jahreseinkommen von fast 2,51 Mrd. Euro für
Österreich und mehr als 54 Mrd. Euro für die EU.
Zwtl.: Österreich würde überdurchschnittlich profitieren
Österreich profitiert in den Modellrechnungen
überdurchschnittlich stark. Mit einem prognostizierten BIP-Zuwachs
von 0,5% läge der Effekt einer Reintegration des Iran in die
Weltwirtschaft für Österreich deutlich höher als für Deutschland (0,3
%) oder die EU als Ganzes. Das ist auf die österreichische
Wirtschaftsstruktur und entsprechende Exportchancen für
österreichische Unternehmen zurückzuführen.
„Österreich ist traditionell stark im Anlagen- und Maschinenbau,
in der Bauwirtschaft, bei Verkehrsinfrastruktur oder in der
Wasseraufbereitung und Umwelttechnik. Das sind alles Bereiche, in
denen der Iran einen enormen Aufholbedarf hat. Zudem zählte
Österreich schon bisher zu den größten Exporteuren von Medikamenten
und Medizintechnik in den Iran“ , erläutert Ghodsi.
Zwtl.: Wohlstandsniveau der Türkei oder Südkoreas möglich
Für den Iran wären die positiven Effekte dann besonders groß,
wenn die Aufhebung der Sanktionen mit einem wirtschaftlichen
Wiederaufbau und Produktivitätssteigerungen einherginge. Letztere
ließen sich vor allem durch weniger Korruption und bessere staatliche
Institutionen sowie mehr Rechtssicherheit erzielen.
In Szenarien, in denen sich der Iran bei der Arbeitsproduktivität
an Länder wie die Türkei oder Südkorea annähert, könnte das iranische
BIP um 240% bis 390% steigen und damit mittelfristig auch das
Entwicklungsniveau der Türkei oder sogar Südkoreas erreichen. Auch
die Wohlstandsgewinne für Europa wären in diesem Fall noch deutlich
höher und betrügen für die EU bis zu 0,7% des BIP.
Zwtl.: Dämpfende Effekte auf die Inflation
Eine Rückkehr des rohstoffreichen Iran auf die globalen
Energiemärkte könnte zudem die Öl- und Gaspreise senken, die
Volatilität auf den Energiemärkten verringern und den Inflationsdruck
in Europa dämpfen. Zudem dürften stabilere politische Verhältnisse in
der Region die Sicherheit wichtiger Seehandelsrouten verbessern und
den Migrationsdruck auf Europa reduzieren.
Die Studie betont ausdrücklich, dass ihre Ergebnisse an einen
grundlegenden politischen Wandel im Iran geknüpft sind. Eine
Lockerung der Sanktionen unter dem derzeitigen Regime wird nicht
befürwortet. Dasselbe gilt für einen Wandel, der nicht mit
tiefgreifenden und glaubwürdigen Reformen einhergeht.
„ Moralische Klarheit und wirtschaftliche Vorsorge schließen sich
nicht aus“ , so Gabriel Felbermayr. „Gerade deshalb ist es wichtig,
mögliche Szenarien nüchtern zu analysieren und Europa auf die
wirtschaftlichen Folgen politischer Veränderungen vorzubereiten.“
Zwtl.: Mögliche Auswirkungen des Iran-Krieges
Wie in der bereits vor dem aktuellen Angriff Israels und der USA
auf den Iran fertiggestellten Studie antizipiert, weitet die
Islamische Republik den Konflikt auf die gesamte Region aus, indem
sie US-Stützpunkte in den arabischen Staaten am Persischen Golf ins
Visier nimmt.
„Die wirtschaftlichen und geopolitischen Kosten dieses Krieges
dürften rasch steigen. Die technologische Überlegenheit der USA und
Israels wird den militärischen Ausgang des Krieges maßgeblich prägen“
, sagt Mahdi Ghodsi.
„Zugleich haben die großen arabischen Ölproduzenten angekündigt,
ihre Förderung auszuweiten, um die globalen Energiemärkte zu
stabilisieren. Die Verschiffung von Erdöl durch die Straße von Hormus
bleibt jedoch erheblichen Risiken ausgesetzt, auch wenn die
derzeitige Blockade durch den Iran beendet werden sollte“ , so
Ghodsi.
„Es steht zu befürchten, dass sich der Konflikt auf die ganze
Region ausweitet und es zu einer langanhaltenden Destabilisierung
kommt, mit massiven negativen Konsequenzen für die Weltwirtschaft.“




