Haag/Lochen (OTS) – Anlässlich der unvorstellbaren Tierquälerei samt
Kannibalismus-
Tragödie in Haag (NÖ), die sich schon seit Jahresbeginn unentdeckt
immer mehr ausweitete, fragen sich nun viele, wie es soweit kommen
konnte. Der Betreiber habe der Polizei nicht geöffnet, woraufhin sie
eine Woche später mit der Amtstierärztin wieder gekommen seien.
Hierzu verweist die Tierschutzorganisation Pfotenhilfe einerseits
darauf, dass Behördenorgane oft den § 36 des Bundestierschutzgesetzes
nicht anwenden: „… das Recht, Liegenschaften, Räume und
Transportmittel zum Zwecke der Kontrolle ( § 35 ) zu betreten und
sich zu ihnen unter Wahrung der Verhältnismäßigkeit der eingesetzten
Mittel Zutritt zu verschaffen, wenn dieser nicht freiwillig gewährt
wird.“ Es ist also keineswegs eine Hausdurchsuchungsanordnung nötig,
viel mehr ist es wichtig, sich bei Verdacht auf Tierquälerei sofort
Zutritt zu verschaffen.
Andererseits weist die Pfotenhilfe auf den seit vielen Jahren
angeprangerten eklatanten Mangel an Tierschutzkontrollen in
Österreich hin. Einmal ganz abgesehen davon, dass das
Bundestierschutzgesetz 2005 vorgibt, Schweine zu schützen, dieses
Ziel aber in den Detailregelungen der 1. Tierhaltungsverordnung auf
Druck der Lobby seit jeher völlig konterkariert und zur Farce wird,
werden nicht einmal diese laschen Vorgaben auch nur ansatzweise so
kontrolliert, wie sich ein unbedarfter Konsument das erwarten würde.
Kontrollen laut Rechnungshof nur alle 63 Jahre!
In der Tierschutz-Kontrollverordnung steht, dass mindestens 2%
der landwirtschaftlichen Betriebe zu kontrollieren sind. Geht man
davon aus, dass wenigstens diese gesetzliche Vorgabe eingehalten
wird, würde dies statistisch bedeuten, dass nur alle 50(!) Jahre eine
amtstierärztliche Kontrolle erfolgen müsste. „Müsste“ deshalb, weil
nicht einmal das passiert. Dies hat der Rechnungshof 2024 aufgedeckt.
Aus dessen Bericht geht hervor, dass sich nicht einmal die
vorgeschriebenen 2 % in den Kontrollplänen wiederfinden, sondern etwa
in Oberösterreich nur rund 1,8 %. Und sogar dieses zu niedrige
Plansoll werde nicht erfüllt: 2018 seien nur 1,58 % der Betriebe
kontrolliert worden. In ganz Oberösterreich würden jährlich nur rund
400 Betriebe kontrolliert (Quelle: Rechnungshofbericht übertrifft
Tierschützerkritik:
https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20240812_OTS0019 )
„Abgesehen davon, dass Kontrollen praktisch immer vorher
angekündigt werden, wodurch vieles vertuscht werden kann, dauert es
mittlerweile also statistisch bereits bis zu 63 Jahre, bis man an der
Reihe ist!“ , so Pfotenhilfe-Sprecher Jürgen Stadler. „Seit 2013 hat
der Tierschutz Verfassungsrang, was sich aber in der Praxis überhaupt
nicht niederschlägt. Es muss sich also niemand wundern, wenn sich
immer wieder viele Jahre lang unentdeckte Missstände zu unfassbaren
Skandalen wie jetzt in Haag ausweiten, das im mit 671.935 Tieren
zweitstärksten Schweineproduktions-Bundesland liegt. In ganz
Österreich leben fast 2,5 Millionen Schweine, die allermeisten unter
– gesetzlich gedeckten – nicht tiergerechten Bedingungen (Stand
1.12.2025 laut Statistik Austria). Alleine schon wenn Schweinen die
Schwänze abgeschnitten werden müssen, damit sie sich nicht
gegenseitig aus Frust und Langweile kannibalisieren, muss einem doch
dämmern, dass an der Haltungsform etwas grundlegend nicht stimmt.“
Artgerecht wäre für Schweine eine ständige Wühl- und Suhlmöglichkeit
und ein weicher, sauberer Liegebereich, da Schweine extrem saubere
und geruchsempfindliche Tiere sind, die nicht mit ihren Fäkalien in
Berührung kommen wollen.
Wer trägt die politische Verantwortung?
Die Lobby solcher Intensivtierhalter sitzt direkt im Parlament
und blockiert eine bessere Tierschutzgesetzgebung seit Jahrzehnten
konsequent und hat die tierquälerische Schweineproduktion sogar schon
für weitere Jahrzehnte gesetzlich „einzementiert“ (Vollspaltenböden,
körperenge Einzelkäfige usw.).
Förderungen für Tierquälerei!
Gleichzeitig werden aber auch an die Betriebe mit nachweislich
schwerster Tierquälerei jeweils oft sogar zigtausende Euro an
Förderungen aus Steuergeld ausgeschüttet, im konkreten Fall
zynischerweise sogar auch für „Tierwohl“, wie die
Transparenzdatenbank zeigt.
Völlig neues Haltungssystem und Kontrollsystem gefordert
„Wenn dieser Fall nicht Anlass genug ist, das System der
Schweinehaltung komplett umzukrempeln und nach den Kriterien der
Tiergerechtheit zu gestalten und auch das Kontrollsystem völlig neu
und engmaschig aufzusetzen, dann gehen die Politiker dieser Regierung
buchstäblich über Leichen!“, so Stadler.
Auch Konsumenten sind gefordert
„Aber auch als Konsument muss man sich anlässlich solcher immer
wieder auftretenden Skandale fragen, ob man es wirklich noch mit
seinem Gewissen vereinbaren kann, das Billigfleisch dieser gequälten
Kreaturen zu sich zu nehmen. Dass die Herkunft Österreich kein
Qualitätskriterium ist, zeigt nicht erst der aktuelle Skandal. Wenn
dann braucht es zumindest eine Kennzeichnung nach der Haltungsform“,
so Stadler. „Ich persönlich lebe jedenfalls seit 30 Jahren sehr gut
ohne Fleisch von toten Tieren. Und ich ärgere mich, dass ich so lange
gebraucht habe damit aufzuhören, obwohl ich schon lange davor gewusst
habe, wie Tiere gehalten, transportiert und getötet werden. Wir
brauchen ja nur ehrlich zu uns selbst sein und darüber nachdenken,
wie wir auf diesen Fall reagieren würden, wenn es sich beispielsweise
um Hunde handeln würde.“
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