Kaunertal-Ausbau: WWF-Analyse enthüllt Gutachter-Kritik an Tiwag-Plänen

Innsbruck (OTS) – Eine neue WWF-Analyse zu den vom Land Tirol
beauftragten Gutachten
für den geplanten Ausbau des Kraftwerks Kaunertal wirft massive
Zweifel an der Sicherheit und Genehmigungsfähigkeit auf. Mehrere
Sachverständige stellen die Qualität und Vollständigkeit der
eingereichten UVP-Unterlagen infrage, wie der WWF auf Basis einer
beim Land erkämpften Akteneinsicht berichtet. Zentrale Fragen zu
Naturgefahren, Geologie und Grundwasser sind demnach ungelöst. „ Die
Behörde darf derart grobe Mängel nicht ignorieren. Solange
wesentliche Sicherheitsrisiken nicht nachvollziehbar geklärt sind,
muss das UVP-Verfahren gestoppt werden “, fordert WWF-Experte
Maximilian Frey anlässlich der Einbringung einer Einwendung an das
Amt der Tiroler Landesregierung. „Wir können konkrete Defizite
belegen, mit denen sich die Behörde jetzt beschäftigen muss. Denn
ohne vollständige Daten ist eine korrekte Bewertung der Umwelt- und
Sicherheitsrisiken schlicht unmöglich“, sagt Frey.

Im Detail zeigt die WWF-Analyse der für die „Vollständigkeitsprüfung“
erstellten Gutachten und UVP-Unterlagen: Von den insgesamt 530
Verbesserungsaufträgen der Behörde hat die TIWAG bisher fast die
Hälfte (=261) nicht behandelt, weil sie angeblich „nicht relevant“
für diesen Teil des Projekts sein. Extrem lückenhaft sind die
Bereiche Naturgefahren, Geologie und Grundwasser. Hier hat der
landeseigene Konzern von 56 Aufträgen der Behörde rund 90 Prozent (=
49) nicht konkret beantwortet. Besonders auffällig: Laut einem vom
Land Tirol beauftragten Gutachter hat die Tiwag im Bericht zu
Naturgefahren und Muren für den ersten Projektteil den Klimawandel
„nicht dezidiert berücksichtigt“. Zudem bleibt für den zuständigen
Sachverständigen „offen, ob das Risiko eines Bergsturzes in den
Stausee nach Rückzug des Permafrosts in sehr hochalpine Lagen
ausreichend berücksichtigt ist“, wie der WWF den Akten entnehmen
konnte. Dies bestätigt auch ein Blick in ein weiteres Fachgutachten,
in dem das Risiko von Bergstürzen nicht beachtet wird.

„ Das Versteckspiel der Tiwag ist völlig inakzeptabel. Das Land Tirol
sollte das weitere Durchwinken des Verfahrens stoppen, damit eine
seriöse Überprüfung aller Sicherheitsbedenken möglich ist. Wenn sogar
landesbeauftragte Gutachter gravierende Bedenken haben, müssen alle
Alarmglocken läuten “, sagt WWF-Experte Maximilian Frey. Die Ausreden
der Tiwag seien nicht stichhaltig: „Gerade die Bevölkerung in den
betroffenen Tälern hat ein Recht auf volle Transparenz anstatt einer
Salamitaktik. Es gibt zudem klare Bekenntnisse der
Konzernverantwortlichen, dass sie das gesamte Mega-Projekt
verwirklichen wollen, nicht nur einen Teil.“

Steigende Risiken nicht nachvollziehbar bewertet – Alarmpläne fehlen
Besonders mangelhaft erfasst sind Klimarisiken wie der Permafrost-
Rückgang, wodurch die Berghänge rund um den Stausee an Stabilität
verlieren. Steigende Gefahren wie Bergstürze, Muren oder mögliche
Flutwellen sind entweder gar nicht, unzureichend oder veraltet
bewertet. Zudem fehlen an mehreren Stellen zum Beispiel Alarmpläne
und belastbare Worst-Case-Analysen in den Unterlagen, obwohl
unabhängige Fachleute vor höheren Risiken für die Talräume und die
lokale Bevölkerung warnen.

Der WWF fordert in Zukunft auch mehr Transparenz vom Land Tirol. Denn
die Behörde hatte die vollständige Akteneinsicht in die Gutachten
erst nach der öffentlichen Begutachtungsfrist für die UVP-Unterlagen
ermöglicht. Zuvor war dazu nur eine Übersicht übermittelt worden.

Porträt-Fotos von Maximilian Frey hier .