Investoren verlieren das Vertrauen in Osteuropa

Wien (OTS) – Der Abwärtstrend bei den ausländischen
Direktinvestitionen hat sich
in den meisten Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas 2025
fortgesetzt. Zu diesem Ergebnis kommt ein neuer Bericht des Wiener
Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw).

Zwar stiegen die ausländischen Direktinvestitionen in der Region
insgesamt von rund 75 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf gut 91
Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Das lag aber vor allem an
Zuwächsen in Russland und Rumänien.

Im Falle Russlands haben die Direktinvestitionen von einem sehr
tiefen Niveau aus wieder angezogen. Das war aber auf einen
Sondereffekt durch die sanktionsbedingte Umstrukturierung von
Auslandsvermögen russischer Staatsbürger zurückzuführen, die einen
Teil davon aus Offshore-Destinationen nach Russland
zurücktransferiert haben. Am schwierigen wirtschaftlichen Umfeld
ändert das nichts. Aufgrund der Sanktionen gibt es kaum neue Projekte
westlicher Investoren.

Zwtl.: Investitionsboom in Rumänien

In allen Subregionen Osteuropas waren die Direktinvestitionen
rückläufig, so auch am Westbalkan. Das gilt auch für die EU-
Mitglieder der Region, die mit einem Minus von 2% gegenüber 2024
jedoch vergleichsweise glimpflich davonkamen. Innerhalb der östlichen
EU-Länder ist das Bild aber gemischt: Während die Direktinvestitionen
in der Slowakei (-79%), Estland (-95%) und Lettland (-83%) einen
massiven Einbruch erlitten und fast zum Erliegen kamen, verzeichneten
Rumänien (+45%), Bulgarien (+32%), Slowenien (+19%) und Polen (+10%)
zweistellige Wachstumsraten.

„ Das starke Plus bei den Direktinvestitionen in Rumänien von 45%
verdeutlicht die Attraktivität des Landes für Investoren, trotz der
gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Krise im Land “, sagt
Olga Pindyuk, Ökonomin am wiiw und Autorin des Berichts. Die Zuflüsse
nach Rumänien lagen 2025 damit fast auf dem Niveau Tschechiens, das
seit vielen Jahren zu den wichtigsten Zieldestinationen für
Direktinvestitionen in Osteuropa zählt.

Zwtl.: Ukraine schwächelt, hat aber großes Potenzial

Die von Russland angegriffene Ukraine kämpft durch den
eskalierenden Krieg weiterhin mit signifikanten Rückgängen. So sanken
die ausländischen Direktinvestitionen, die 2024 noch 3,2 Milliarden
Euro ausmachten, um 29% auf nur mehr 2,3 Milliarden Euro im
vergangenen Jahr. „ Der Krieg schreckt ausländische Investoren
natürlich ab, auch wenn das Land über ein enormes wirtschaftliches
Potenzial verfügt. In Kombination mit den Aussichten auf einen
lukrativen Wiederaufbau könnten die Direktinvestitionen in der
Ukraine bei einem Kriegsende daher boomen, wofür es auch bereits
erste Anzeichen gibt “, meint Pindyuk, die auch als Ukraine-Expertin
des wiiw fungiert.

Zwtl.: Angekündigte Neuinvestitionen geringer als während Covid-
Pandemie

Für die nahe Zukunft erwartet das wiiw eine weitere Abschwächung
der Investitionsflüsse in die Region. Die Zahl der neu angekündigten
Greenfield-Projekte (also von Betriebsansiedlungen oder –
erweiterungen auf der grünen Wiese) brach im ersten Quartal 2026
gegenüber dem ersten Quartal 2025 um 44% ein, das zugesagte Kapital
um 35%. Das sind die niedrigsten Werte der letzten sechs Jahre. „
Damit liegt der Schluss nahe, dass ausländische Investoren derzeit
noch weniger Vertrauen in Osteuropa haben als zu Beginn der Covid-
Pandemie und der russischen Invasion in der Ukraine “, konstatiert
Pindyuk. „ Die Auswirkungen des Iran-Krieges sind hier noch nicht
voll eingepreist “, so Pindyuk.

Die rückläufigen Direktinvestitionen spiegeln aber auch den
Strukturwandel in der Region wider, vor allem in den
hochindustrialisierten EU-Mitgliedern. Dort vollzieht sich angesichts
stark gestiegener Löhne eine Abkehr vom Modell „verlängerte Werkbank“
für westliche Industriekonzerne, die dort bisher günstig produziert
haben.

Zwtl.: Deutsche Investoren wenden sich ab, österreichische agieren
verhalten

Deutsche und österreichische Unternehmen, die traditionell zu den
größten Investoren in der Region zählen, stehen bei Neuinvestitionen
weiterhin auf der Bremse. Die Anzahl der angekündigten Projekte aus
Deutschland hat sich zwischen dem zweiten Quartal 2025 und dem ersten
Quartal 2026 gegenüber der Vergleichsperiode 2024/2025 von 213 auf
144 weiter reduziert. Das entspricht einem Rückgang von 32%. Das
dafür zugesagte Kapital verringerte sich um 5% auf noch rund 4,6
Milliarden Euro, nach einer Halbierung von 9,5 Milliarden Euro auf
4,9 Milliarden Euro im vorangegangenen Vergleichszeitraum.

Investoren aus Österreich haben zwischen dem zweiten Quartal 2025
und dem ersten Quartal 2026 Kapitalzusagen über rund 1,3 Milliarden
Euro abgegeben und damit kaum mehr als in der Vergleichsperiode davor
(1,2 Milliarden Euro). Dabei kündigten sie 35 neue Greenfield-
Projekte in der Region an. Das entspricht dem Niveau der
vorangegangenen vier Quartale, liegt jedoch weit unter der zuvor
verzeichneten Anzahl (49).

Zwtl.: China größter Neuinvestor

China bleibt der größte Neuinvestor in der Region Mittel-, Ost-
und Südosteuropa. Das zugesagte Investitionsvolumen verdoppelte sich
dabei fast von 9 Milliarden Euro auf rund 16,5 Milliarden Euro und
näherte sich damit wieder dem hohen Wert der Vergleichsperiode
2023/2024 (18,3 Milliarden Euro) an. „ Viel chinesisches Geld fließt
einerseits in den Aufbau einer Produktionsstätte für CO2-neutrales
Aluminium in Kasachstan und andererseits in den Ausbau der
Elektromobilität und Batterieproduktion in Ostmitteleuropa “, sagt
Olga Pinduyk.

Trotz der hohen chinesischen Neuinvestitionen machen sie nach wie
vor nur etwas mehr als 1% der vorhandenen Investitionsbestände in der
Region aus. Rund 70% stammen laut wiiw-Datenbank nach wie vor aus den
EU-Staaten, allen voran aus Deutschland.

Der neue Bericht zu den Direktinvestitionen in Mittel-, Ost- und
Südosteuropa steht auf Anfrage zur Verfügung und ist für wiiw-
Mitglieder kostenlos.