Internationaler Tag der Alleinerzieher*innen: Gewalt stoppen und Kinderarmut beenden

Wien (OTS) – Anlässlich des Internationalen Tags der
Alleinerzieher*innen
präsentiert der Verein Feministische Alleinerzieherinnen – FEM.A
seine Petition zum Gewaltschutz an Familiengerichten und seinen
umfassenden Forderungskatalog zum Opferschutz und dem Ende der Armut
von Alleinerzieher*innen und ihren Kindern.

Obwohl sich Österreich mit der Ratifizierung der Istanbul-
Konvention, der Frauenrechtskonvention und der Lanzarote-Konvention
zum Schutz von Gewaltbetroffenen verpflichtet hat, erleben viele
betroffene Mütter, dass Familiengerichte Gewalt bagatellisieren oder
ignorieren.

Experte in Straf- und Familienrechtsverfahren Markus Drechsler
dazu: „In familiengerichtlichen Verfahren erlebe ich immer wieder,
dass Gewalt nicht ernst genommen, sondern relativiert wird. Diese
Praxis gefährdet Frauen und Kinder massiv und widerspricht jeder
rechtsstaatlichen Verantwortung. Es ist höchste Zeit, dass der Schutz
von Betroffenen Vorrang vor allen anderen Erwägungen hat.“

Statt Schutz zu erhalten, werden Gewaltopfer von der Justiz oft
im Stich gelassen und pathologisiert. Manchen Müttern wird sogar der
Entzug der Obsorge angedroht. Selbst wenn dokumentierte Hinweise auf
Gewalt oder Missbrauch vorliegen, gewichten viele Familienrichter*
innen das Kontaktrecht des Vaters höher als das Recht des Kindes auf
Schutz und Sicherheit.

Zwtl.: Wenn der Schutz zur Gefahr wird: Die Rolle
pseudowissenschaftlicher Konzepte

Mittel zum Zweck sind nur allzu oft bereits widerlegte und
pseudowissenschaftliche Theorien wie „Parental Alienation Syndrome“ (
PAS) oder neuere Begriffe wie „Bindungsintoleranz“, „Eltern-Kind-
Entfremdung“ oder „Belastungseifer“ . Diese einfachen, jedoch
faktisch falschen und sexistischen Erklärungsmuster werden immer
wieder vorgebracht, wenn es um Obsorge und Kontaktrecht geht. Nicht
selten tauchen sie in familienpsychologischen Gutachten auf, obwohl
sich die Gutachter*innen eigentlich an die Wissenschaftlichkeit
halten müssten. Für die fachliche Überprüfung fühlt sich jedoch
niemand zuständig. Familiengerichte legen diese Gutachten ihrer
Entscheidung zu Grunde. Das hat schwerwiegenden Folgen für Kinder und
ihre Mütter. Wenn ihre Kinder den Kontakt zum Vater ablehnen, etwa
weil sie ihn als gewalttätig erlebt haben, wird der Grund der
Ablehnung bei der Mutter gesucht. Die Konsequenz: Kinder, die von
Gewalt oder Missbrauch durch ihren Vater berichten, werden zum
Kontakt gezwungen. Mütter, die ihre Kinder schützen wollen, können
sogar die Obsorge verlieren.

Familienrechts- und Opferschutzanwältin Sonja Aziz zeigt auf: „
Meine Erfahrung zeigt, dass Berichte von Kindern über direkte oder
miterlebte Gewalterfahrungen oftmals als Ausfluss eines
Loyalitätskonfliktes oder einer negativen Beeinflussung durch die
Mutter erachtet werden anstatt die Gewaltschilderungen eingehend zu
prüfen. Zur Wahrung des Kindeswohles bedarf es einer gründlichen
Prüfung der Gewaltvorwürfe durch Familiengerichte, selbst wenn es im
Strafverfahren zu einer Einstellung oder einem Freispruch im Zweifel
gekommen ist. Weiters sollen vermehrt Anti-Gewalt-Trainings für
gewalttätige Väter angeordnet werden. “

Die Obfrau von FEM.A. Andrea Czak, fasst zusammen: „ In vielen
familiengerichtlichen Verfahren wird den Tätern mehr geglaubt als den
Opfern oder Müttern, die ihre Kinder schützen wollen.
Argumentationsmuster der Täter werden sogar übernommen, im Glauben,
sie würden das Kindeswohl wahren. Statt den Mut der Mütter, ihre
Kinder zu schützen, zu würdigen, werden sie als Lügnerinnen
dargestellt und letztlich kriminalisiert. Das verletzt den
staatlichen Schutzauftrag! “

Zwtl.: Petition und Forderungskatalog zeigen Lösungen auf

Dass es Lösungen gibt, zeigt der Verein FEM.A mit seinem
Forderungskatalog. Darin präsentiert FEM.A das Ergebnis aus fünf
Jahren Beratungstätigkeit und Analyse, die die Situation
alleinerziehender Familien in Österreich in den Mittelpunkt stellt.
Die Forderungen basieren einerseits auf der langjährigen Erfahrung
von Expert*innen verschiedenster Fachrichtungen, andererseits auf dem
Wissen aus zahlreichen Rückmeldungen und Gespräche mit
gewaltbetroffenen Alleinerzieher*innen. Die konkreten Vorschläge
zeigen auf, an welchen Schrauben gedreht werden muss, damit der
Opferschutz im Familienrecht beachtet wird und die Armut von
Alleinerzieher*innen und ihren Kindern beendet wird. Denn es gibt in
Österreich immer noch kein eigenes Unterhaltsrecht. Damit die
Maßnahmen rasch umgesetzt werden, startet FEM.A eine Petition.

„ Die rechtlichen Schutzmaßnahmen für Gewaltopfer sind in
Österreich möglich. Sie werden aber durch Familienrichter*innen
häufig nicht angewendet. Das ist ein klarer Verstoß gegen die
Konventionen, das hat auch GREVIO festgestellt. “, so FEM.A Obfrau
Andrea Czak.

Zwtl.: FEM.A fordert umfassende Reformen

FEM.A ruft mit seiner Petition die Justizministerin, die
Frauenministerin, die Familienministerin und die Bundesregierung dazu
auf, endlich zu handeln. Der Verein fordert unter anderem:

– Keine Obsorge oder Kontaktrechte für gewalttätige Elternteile, wenn
der Schutz nicht gewährleistet ist

– Ein Verbot von Mediation und verpflichtender Elternberatung mit dem
gewalttätigen Ex-Partner

– Kostenlose psychosoziale Prozessbegleitung für gewaltbetroffene
Kinder und Mütter im Familienrecht, auch wenn es kein Strafverfahren
gab

– Verbindliche Fortbildung aller im Verfahren Beteiligten zu Gewalt,
Trauma und Täterstrategien

– Ein Verbot pseudowissenschaftlicher Konzepte wie PAS und
Belastungseifer in familiengerichtlichen Verfahren

– Einrichtung einer unabhängigen Beschwerdestelle bei
institutioneller Gewalt durch Gutachten oder Behörden

– Zugang zu qualifizierter Rechtsvertretung für armutsbetroffene
Mütter (36 % der Alleinerzieher*innen in Österreich sind
armutsgefährdet)

Die Petition kann online unterzeichnet werden:
mein.aufstehn.at/petitions/schutzt-mutter-und-kinder-vor-gewalt-nach-
der-trennung

Der Forderungskatalog steht zum kostenlosen Download bereit:

Forderungskatalog

Über FEM.A

Der Verein Feministische Alleinerzieherinnen ist eine
unabhängige, feministische Non-Profit-Organisation, die sich auf den
Gewaltschutz und die Unterstützung von Alleinerzieher*innen in
Notlagen spezialisiert hat. 98% der Hilfesuchenden bei FEM.A haben
Gewalt erlebt.

Österreichweit bietet der Verein psychosoziale Unterstützung,
eine kostenlose Helpline und Erstberatungen durch Expertinnen an.
FEM.A vermittelt gezieltes Wissen zu Themen wie Gewaltschutz,
Finanzen, Unterhalt und Pflegschaftsverfahren, um Alleinerzieher*
innen zu befähigen, ihre Situation zu verbessern. Mitglieder des
Vereins profitieren von einer Videothek mit über 100 Webinaren,
ergänzt durch eine Wissensdatenbank und ein Austauschforum.

Eine öffentlich zugängliche Kontaktdatenbank bietet wichtige
Anlaufstellen und Informationen zu finanziellen Hilfen. FEM.A
vertritt die Interessen von Ein-Eltern-Familien in Ministerien und
Netzwerken und setzt sich durch Öffentlichkeitsarbeit, Kundgebungen
und Social Media für mehr gesellschaftliches Bewusstsein ein