Wien (OTS) – Beim Ersatz der Aortenklappe kann eine kleine
Aortenwurzel die Größe
der einsetzbaren Klappenprothese begrenzen. Ist die neue Klappe im
Verhältnis zum Körper zu klein, muss das Herz weiterhin gegen
erhöhten Widerstand arbeiten – ein sogenanntes Patient-Prothesen-
Mismatch, das mit ungünstigeren klinischen Ergebnissen verbunden ist.
An der Universitätsklinik für Herz- und Thorakale Aortenchirurgie von
MedUni Wien und AKH Wien wurde nun eine neue Operationstechnik
entwickelt, mit der sich die Aortenwurzel vergleichsweise einfach und
auch minimalinvasiv erweitern lässt. Dadurch können deutlich größere
Klappenprothesen eingesetzt, der Blutfluss verbessert und zugleich
bessere Voraussetzungen für zukünftige Behandlungsoptionen geschaffen
werden. Die neue Methode und erste klinische Erfahrungen wurden im
herzchirurgischen Fachjournal JTCVS Techniques veröffentlicht.
Der Ersatz der erkrankten Aortenklappe gilt als eine der
Erfolgsgeschichten der Herzchirurgie. Sie hat 1960 mit den ersten
Klappenimplantationen begonnen. Über Jahrzehnte wurden seither viele
verschiedene mechanische und biologische Klappenprothesen entwickelt
und eingesetzt. Ein Problem ist seit Beginn des chirurgischen
Aortenklappenersatzes unverändert geblieben: Der für die Verankerung
der Klappenprothese notwendige Nahtring kann den effektiven Blutfluss
aus der linken Herzkammer in die Hauptschlagader begrenzen –
insbesondere bei Patient:innen mit einer kleinen Aortenwurzel.
Heute gewinnt diese Frage zusätzlich an Bedeutung, weil bei der
Wahl der ersten Klappenprothese nicht mehr nur die aktuelle
Operation, sondern die gesamte lebenslange Behandlungsstrategie
berücksichtigt werden muss. Im Sinne eines modernen „Lifetime
Management“ sollte daher bereits beim ersten Eingriff bedacht werden,
welche Optionen für spätere Eingriffe – etwa eine kathetergestützte
Aortenklappenimplantation (TAVI) innerhalb einer bestehenden
chirurgischen Prothese – offenbleiben. Eine möglichst großzügige
Dimensionierung der ersten Klappenprothese kann dafür entscheidende
Voraussetzungen schaffen. An der Universitätsklinik für Herz- und
Thorakale Aortenchirurgie von MedUni Wien und AKH Wien ist nun ein
entscheidender Schritt gelungen: Entwickelt wurde eine Methode, die
chirurgisch technisch vergleichsweise einfach ist, den etablierten
Ablauf des Eingriffs nur geringfügig verändert und zugleich die
natürliche Anatomie der Aortenwurzel berücksichtigt.
Zwtl.: Das Problem: Der Nahtring nimmt Platz weg
Die Aortenklappe ist das Ventil zwischen der linken Herzkammer
und der Hauptschlagader. Muss sie ersetzt werden, wird die Prothese
mit einem Nahtring in den sogenannten Aortenring eingenäht. Dieser
Nahtring braucht Platz – die Öffnung der Prothese ist deshalb bei den
etablierten Klappenprothesen häufig kleiner als die natürliche
Öffnung der Klappe. Ist der Aortenring von Natur aus klein, kann nur
eine kleine Prothese eingesetzt werden. Ist die Prothese im
Verhältnis zum Körper der Patient:innen zu klein, muss das Herz gegen
einen erhöhten Widerstand pumpen. Hier spricht man von einem Patient-
Prothesen-Mismatch, das mit ungünstigeren Ergebnissen verbunden ist.
Größere Prothesen bieten außerdem bessere Voraussetzungen, wenn Jahre
später eine erneute Behandlung mit einem Katheter innerhalb der
bereits vorhandenen Klappe notwendig wird.
Zwtl.: Die Alfred Kocher Technik
Alfred Kocher, Leiter des Herzklappenteams an der
Universitätsklinik für Herz- und Thorakale Aortenchirurgie von MedUni
Wien und AKH Wien, beschrieb im Juni 2025 erstmals die nach ihm
benannte „Alfred-Kocher-Technik“ zur Erweiterung der Aortenwurzel und
veröffentlichte das Verfahren im herzchirurgischen Fachjournal JTCVS
Techniques. Seither wird die Methode am AKH Wien/MedUni Wien
erfolgreich eingesetzt und mittlerweile auch an Zentren in Europa und
den USA angewendet.
Die Operation beginnt wie ein herkömmlicher Aortenklappenersatz.
Erst nachdem der Aortenring vermessen wurde, fällt die Entscheidung,
ob eine Erweiterung nötig ist. Dazu wird die Aortenwurzel mit einem T
-förmigen Schnitt erweitert und mit einem eigens dafür geformten
Patch rekonstruiert. Die Herzkranzgefäße bleiben dabei unberührt, die
natürliche Form der Aortenwurzel bleibt weitgehend erhalten. So
können Klappenprothesen eingesetzt werden, die mindestens zwei Größen
größer sind.
„Der wesentliche Vorteil unserer Technik besteht darin, dass wir
zunächst wie bei einem herkömmlichen Aortenklappenersatz vorgehen und
erst nach der Vermessung entscheiden müssen, ob eine Erweiterung
notwendig ist. Mit einem vergleichsweise einfachen zusätzlichen
Operationsschritt können wir deutlich größere Klappenprothesen
einsetzen, ohne die Herzkranzgefäße zu beeinträchtigen. Besonders
wichtig ist, dass sich die Technik nicht nur über einen
konventionellen Zugang, sondern auch minimalinvasiv und sogar
endoskopisch anwenden lässt“, sagt Alfred Kocher.
Die Universitätsklinik für Herz- und Thorakale Aortenchirurgie
unter der Leitung von Daniel Zimpfer nimmt damit international eine
führende Rolle bei der Weiterentwicklung des chirurgischen
Aortenklappenersatzes ein. Ziel ist es, bestehende Limitationen der
Operation zu überwinden und gleichzeitig schonendere Zugangswege
sowie optimale Voraussetzungen für das langfristige „Lifetime
Management“ der Patient:innen zu schaffen.
Zwtl.: Aortenklappenersatz wird von Grund auf neu aufgestellt
Die neue Technik ist Teil eines größeren Vorhabens: An der
Abteilung wird der chirurgische Aortenklappenersatz von Grund auf auf
neue Beine gestellt und erhält einen standardisierten Ablauf. Mit
einem universell anwendbaren Messkopf wird zunächst das Naturmaß des
Aortenrings genommen. Dazu wird die passende Klappe gesucht. Ist der
Aortenring zu klein, wird die Aortenwurzel im Zuge der Alfred-Kocher-
Technik erweitert. Im Zuge dieser Entwicklung wurden mehrere
Erfindungsmeldungen gemeinsam mit der Abteilung für
Technologietransfer der MedUni Wien zum Patent eingereicht.
Hinter dem standardisierten Ablauf steht ein einfacher Gedanke:
Eine Klappenprothese wird heute für ein ganzes Leben geplant, nicht
nur für die eine Operation: „Bei der Aortenklappenchirurgie müssen
wir heute nicht nur die unmittelbare Operation, sondern den gesamten
weiteren Behandlungsweg unserer Patient:innen berücksichtigen. Eine
ausreichend große Klappenprothese ist dafür eine wichtige
Voraussetzung. Die neue Technik erweitert unsere Möglichkeiten,
bereits beim ersten Eingriff optimale Bedingungen für die
langfristige Versorgung zu schaffen“, sagt Daniel Zimpfer, Leiter der
Universitätsklinik für Herz- und Thorakale Aortenchirurgie.
Video: https://youtu.be/5C0QT7TBvME
Publikation: JTCVS Techniques
A. Kocher technique as default approach to aortic root enlargement
Alfred A. Kocher, Paul Werner, Emilio Osorio-Jaramillo, Amila
Kahrovic, Daniel Zimpfer, Marek Ehrlich, Severin Laengle
2026;37:102296
DOI: 10.1016/j.xjtc.2026.102296