Wien (PK) – Das Parlament ist nicht nur eine abstrakte Institution,
sondern vor
allem die lebendige Gemeinschaft seiner Mitglieder und die Summe
ihrer Erfahrungen. Dieses Verständnis liegt dem laufenden Oral-
History-Projekt „Erlebter Parlamentarismus“ im österreichischen
Parlament zugrunde. Seit 2015 entstanden unter Federführung von
Günther Schefbeck, langjähriger Leiter des Parlamentsarchivs, über
123 ausführliche Interviews mit ehemaligen Abgeordneten zum
Nationalrat, Mitgliedern des Bundesrats und Abgeordneten zum
Europäischen Parlament sowie mit früheren leitenden Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern der Parlamentsdirektion und der parlamentarischen
Klubs. Darin zeichnen die Interviewten ein facettenreiches Bild des
österreichischen Parlamentarismus von den 1960er-Jahren bis in die
Gegenwart und gewähren Einblick in die parlamentarische Arbeit, von
staatstragenden Entscheidungen bis hin zu persönlichen Anekdoten. Für
die Forschung eröffnet sich dadurch eine einzigartige Quellenbasis
politischer Zeitgeschichte und Interessierten bietet sich die
Möglichkeit, der Institution Parlament über die Menschen zu begegnen.
Heute wurde dieses umfangreiche Projekt im Rahmen einer
Veranstaltung im Parlament erstmals der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht. Nach einleitenden Worten von Parlamentsvizedirektorin und
Mitinitiatorin Susanne Janistyn-Novák erklärte der Leiter des
Projekts, Günther Schefbeck, dessen Genese und die methodischen
Hintergründe. Holger Böck, Leiter der Abteilung Bibliothek & Archiv
der Parlamentsdirektion, demonstrierte anschließend die Realisierung
auf der Website des Parlaments. Heide Schmidt, unter anderem
ehemalige Dritte Nationalratspräsidentin, Sonja Puntscher Riekmann,
ehemalige Nationalratsabgeordnete und Professorin für Politische
Theorie und Europapolitik an der Universität Salzburg, sowie Ingrid
Thurnher, Radiodirektorin des ORF, beleuchteten schließlich den
Themenkomplex Politik, Medien und Öffentlichkeit im Rahmen eines
Podiumsgesprächs. Durch die Veranstaltung führte Karl-Heinz
Grundböck, Sprecher der Parlamentsdirektion.
Im Rahmen des Projekts wurden vorerst 21 ausgewählte Interviews
über die Mediathek auf der Website des Parlaments veröffentlicht,
schrittweise werden alle weiteren Videos und damit über 200 Stunden
an persönlichen Erinnerungen folgen. Sie sind über eine
Filterfunktion durchsuchbar und in thematische Kapitel gegliedert.
Ausgewählte Interviews können als Publikationen von der Website des
Parlaments heruntergeladen oder als Einzelbände im Parlamentsshop
erworben werden. Der Podcast “ Geschichte(n) aus dem Parlament “
liefert auf Basis der Oral-History-Interviews anekdotenreiche und
kurzweilige Einblicke in das „Gedächtnis“ des Hohen Hauses. Moderator
ist der Schauspieler und Kabarettist Clemens Haipl.
Janistyn-Novák und Schefbeck beleuchten die Hintergründe des Oral
-History-Projekts
In ihren einleitenden Worten ging Parlamentsvizedirektorin
Susanne Janistyn-Novák, auf die verschiedenen Phasen des
österreichischen Parlamentarismus ein und erklärte die Intention des
Projekts. Diese habe darin bestanden, sowohl wertvolle Erinnerungen
an diese Phasen aufzuzeichnen als auch die „Innensicht“ auf die
parlamentarische Arbeit zu dokumentieren.
Wie diese Dimension der parlamentarischen Arbeit im Rahmen des
Projekts erfassbar gemacht wurde, erklärte Günther Schefbeck. So
seien mündliche Informationssammlungen an sich nichts Neues und schon
von den antiken Geschichtsschreibern Herodot oder Thukydides
betrieben worden. Etwa ab den 1960er-Jahre hätten diese in Form der
„Oral-History-Bewegung“ in den modernen Geschichtswissenschaften
wieder Fuß gefasst. Damit hätten auch die Perspektiven jener erhoben
werden können, die üblicherweise keine schriftlichen Quellen
hinterlassen, verwies Schefbeck auf den Ansatz der „grassroots
history“ bzw. „history from below“. Dabei spielten die von den
Befragten reproduzierten Fakten ein Rolle, das Interesse der
Forschung gehe aber viel weiter. Im Zentrum stünden vor allem
Sichtweisen, Werte, Motivationen und oftmals auch „Faktenirrtümer“,
da auch irrtümlich erinnerte Fakten für die Erfassung der Perspektive
einer Person aufschlussreich sein könnten. Dafür dürfe der bzw. die
jeweilige Interviewte nicht das Gefühl haben, „vor einem Richter zu
stehen“, so Schefbeck, sondern müsse eine Plattform bekommen, um ihre
„selbstreflektierten Erfahrungen“ frei wiedergeben zu können.
Podiumsgespräch über Parlamentarismus, Medien und Polarisierung
Ein Beispiel für eine solche Plattform lieferte das
Podiumsgespräch mit Heide Schmidt, Sonja Puntscher Riekmann und
Ingrid Thurnher. Darin erinnerten sich die Diskutantinnen an die von
Schmidt initiierte Gründung des Liberalen Forums 1993, an den
einhergehenden medialen Diskurs sowie die Auswirkungen auf die
parlamentarische Praxis. Sie reflektierten dabei die Rolle der Medien
hinsichtlich der politischen Polarisierung. Für Thurnher führten
insbesondere die sozialen Medien zu einer Emotionalisierung der
politischen Sphäre, die besonders „an den Rändern des
Meinungsspektrums“ verfange. Die „ungefilterte Kommunikation unter
Umgehung des Journalismus“ führe bei den Rezipientinnen und
Rezipienten zur Bildung von Filterblasen und erschwere einen
sachlichen und abwägenden politischen Diskurs. Dieses polarisierte
„Gegeneinander“ sowie der von Emotionalisierung lebende „Populismus“
könne die Demokratie „aushebeln“, zeigte sich auch Heide Schmidt über
aktuelle Entwicklungen besorgt.
Als „Wesen der Demokratie“ sah hingegen Puntscher Riekmann die
Polarisierung, die schon nur mit den Mitteln des klassischen
Journalismus stattgefunden habe. Zudem sei der Populismus der
inhärente „Schatten der Demokratie“. Welchen „qualitativen Sprung“
die sozialen Medien in dieser Hinsicht gebracht hätten, sei
wissenschaftlich „noch nicht zu Ende analysiert“. Doch auch Puntscher
Riekmann sah, dass die politischen Ränder in den sozialen Medien „am
lautesten“ seien, während sich die Mitte sehr wenig einbringe.
Problematisch werde diese Entwicklung dann, wenn „Unversöhnlichkeit“
in den politischen Diskurs Einzug halte und „keine Brücken mehr
gebaut“ werden könnten, so Puntscher Riekmann. (Schluss) wit
HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung sowie eine Nachschau auf
vergangene Veranstaltungen finden Sie im Webportal des Parlaments .




