Brustkrebs: Neuer Ansatz zur Verbesserung der Wirksamkeit von Immuntherapien

Wien (OTS) – Immuntherapien wie sogenannte Checkpoint-Inhibitoren
aktivieren das
körpereigene Immunsystem zur Abwehr von Krebszellen und haben die
Behandlung vieler Tumorarten revolutioniert. Bei Brustkrebs sind
diese Therapien jedoch nur begrenzt wirksam. Ein internationales
Forschungsteam unter Leitung der Medizinischen Universität Wien hat
nun einen bislang unterschätzten Mechanismus identifiziert, mit dem
sich Brusttumoren der Immunabwehr entziehen. Die aktuell im
Fachmagazin „Nature Communications“ publizierten Erkenntnisse liefern
gleichzeitig einen neuen Ansatzpunkt, um die Wirksamkeit von
Immuntherapien bei Brustkrebs zu verbessern.

Sialylierung wird der biochemische Prozess genannt, den das
Forschungsteam um Stefan Mereiter (Universitätsklinik für
Frauenheilkunde, MedUni Wien) und Josef Penninger (Klinisches
Institut für Labormedizin, MedUni Wien) als zentralen Mechanismus der
Immununterdrückung bei Brustkrebs identifiziert hat. Dabei handelt es
sich um eine spezielle Zucker-Modifikation auf der Oberfläche von
Tumorzellen, die dazu führt, dass die Kommunikation zwischen Zellen
und der Immunabwehr beeinträchtigt wird. „Wir konnten zeigen, dass es
bei rund zwei Drittel aller Brusttumoren zu einer erhöhten
Sialylierung kommt. In diesen Fällen waren im Tumorgewebe deutlich
weniger T-Zellen nachweisbar, also Immunzellen, die Krebszellen
bekämpfen sollen“, berichtet Erstautor Stefan Mereiter. Analysen aus
Patient:innenkohorten mit insgesamt 136 Brustkrebsfällen bestätigten
diesen Zusammenhang.

Gezielte Hemmung des Mechanismus
Im Detail entdeckten die Forscher:innen, dass die Sialylierung unter
anderem die Wirkung des von Krebszellen produzierten
immunmodulierenden Wachstumsfaktors G-CSF im Blut verstärkt. Dadurch
werden vermehrt immunsuppressive Zellen in den Tumor rekrutiert, die
wiederum verhindern, dass zytotoxische, also zellabtötende T-Zellen
effizient in das Tumorgewebe eindringen. Gleichzeitig trägt die
Sialylierung dazu bei, dass Tumorzellen für vorhandene T-Zellen
weniger gut erkennbar sind und sich so dem Immunsystem entziehen. In
vorklinischen Forschungsmodellen führte die gezielte medikamentöse
Hemmung der Sialylierung hingegen dazu, dass sich die T-Zellen wieder
im Tumor ausbreiten und diesen effizienter bekämpfen konnten: „Es
gelangen vermehrt aktivierte zytotoxische T-Zellen in den Tumor,
während gleichzeitig immunsuppressive neutrophile Zellen abnehmen“,
präzisiert Studienleiter Josef Penninger.

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen.
Immuntherapien, wie sogenannte Checkpoint-Inhibitoren, die das
körpereigene Immunsystem zur Abwehr von Krebszellen aktivieren
sollen, sind bei dieser Tumorart nur begrenzt wirksam. Mit den
aktuellen Studienergebnissen liegt sowohl eine mögliche Erklärung als
auch Lösung dafür vor: „Unsere Studie zeigt, dass eine therapeutische
Blockade der Sialylierung dazu führt, dass selbst bislang
therapieresistente Tumormodelle auf Immuntherapien ansprechen. Unsere
Ergebnisse deuten somit darauf hin, dass die gezielte Beeinflussung
der Tumor-Sialylierung ein vielversprechender neuer Ansatz sein
könnte, um immununterdrückende Mechanismen im Tumor zu überwinden und
damit die Wirksamkeit von Immuntherapien bei Brustkrebs deutlich zu
verbessern“, so Mereiter und Penninger. Die gewonnenen Erkenntnisse
sollen nun in weiteren Studien in der neu aufgebauten
Forschungsgruppe unter der Leitung von Stefan Mereiter an der
Universitätsklinik für Frauenheilkunde der MedUni Wien vertieft und
für zukünftige therapeutische Anwendungen nutzbar gemacht werden.

Publikation: Nature Communications
Tumour sialylation regulates G-CSF stability and promotes neutrophil-
mediated immunosuppression in breast cancer.
Stefan Mereiter, Gustav Jonsson, Tiago Oliveira, Ingrid-Judith
Garberis, Johannes Helm, Markus Abeln, Ann-Kristin Jochum, Wolfram
Jochum, Max J. Kellner, Marek Feith, Vanessa Tkalec, Karolina
Wasilewska, Jie Jiao, David Hoffmann, Lukas Emsenhuber, Felix
Holstein, Anna C. Obenauf, Guido Kroemer, Magali Lacroix-Triki, Omar
Hasan Ali, Lukas Flatz, Rita Gerardy-Schahn, Anja Münster-Kühnel,
Johannes Stadlmann, Laurence Zitvogel, Josef M. Penninger.
https://www.nature.com/articles/s41467-026-73401-9