Wien (OTS) – Vor zehn Jahren wurde der Complexity Science Hub (CSH)
mit einer
einfachen, aber weitreichenden Annahme gegründet: Viele
Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nicht verstehen, wenn man
ihre Einzelteile isoliert betrachtet. Oder anders gesagt, um große
Probleme lösen zu können, muss man die Zusammenhänge kennen.
„Ob Finanzmärkte, Migration, Gesundheitssysteme, Städte,
Lieferketten oder gesellschaftliche Polarisierung – sie alle bestehen
aus einer Vielzahl miteinander verbundener Akteur:innen, die sich
ständig gegenseitig beeinflussen und gemeinsam Dynamiken
hervorbringen, die kein einzelnes Element je geplant hat und die sich
oft vollkommen überraschend entwickeln“ , sagt Stefan Thurner ,
Mitbegründer und Präsident des Complexity Science Hub. Kurz: Sie sind
komplex. „Haben wir Komplexität heute gelöst? Nein. Haben wir sie
besser verstanden? Ja – und das in einer Weise, die vor zehn Jahren
kaum vorstellbar war.“
80 FORSCHENDE, 13 THEMEN, 11 MITGLIEDER
Was 2016 mit nur drei Wissenschaftern begann, ist heute ein
internationales Zentrum zur Erforschung komplexer Systeme – mit 80
Forschenden aus fast 30 Nationen, 13 Forschungsthemen und einem
Anspruch, der sich nicht verändert hat: Daten in Wissen verwandeln.
Wissen in eine Form bringen, in der es Entscheidungen verbessern
kann. Und dorthin tragen, wo es gebraucht wird.
Möglich wird das auch durch ein einzigartiges Netzwerk von über
100 internationalen Forscher:innen, die mit dem CSH affiliiert sind,
11 Mitgliedsinstitutionen in Österreich und über 70
Partnerorganisationen im In- und Ausland. Außerdem entstand so eine
wachsende Zahl an praxisnahen Transfers: etwa das
Lieferketteninstitut Supply Chain Intelligence Institute Austria (
ASCII), das Start-up Iknaio für Blockchain-Forensik, Kooperationen
mit Interpol und der Bayerischen Staatsanwaltschaft.
KOMPLEXITÄTSFORSCHUNG – WAS IST DAS ÜBERHAUPT?
Komplexitätsforschung beginnt mit einer einfachen Beobachtung:
Ein Erdbeben in einem Land kann absolut keine wirtschaftlichen
Auswirkungen in der österreichischen Wirtschaft haben. Oder aber sehr
große. Ein Posting eines einzelnen Menschen in den sozialen Medien
kann absolut keine gesellschaftlichen Auswirkungen haben. Oder aber
viral gehen und beispielsweise zu Gesetzesänderungen führen. Eine
zusätzliche Ampel auf einer Straße kann kaum Auswirkungen haben. Oder
aber ein Verkehrschaos auslösen. Man kann nicht voraussagen, wie
sicher unsere Lebensmittelversorgung ist, wenn man nur einzelne
Lieferketten betrachtet. Man kann nicht begreifen, warum
Gesellschaften polarisieren, wenn man einzelne Meinungen misst. Man
kann die Infrastruktur einer Stadt nicht verbessern, wenn man nicht
versteht, wie die Straßen, Verkehrsmittel und Gewohnheiten der
Menschen interagieren. „Die Welt ist mehr als die Summe ihrer Teile –
sie ist vor allem das Ergebnis dessen, was zwischen ihren Teilen
passiert“, so Thurner.
Von der Analyse globaler Lieferketten bis zur Kartierung von
Krankheitsverläufen, von der Untersuchung von
Kryptowährungsnetzwerken bis zur Modellierung gesellschaftlicher
Kollapse: Die dreizehn Forschungsthemen des CSH sind auf den ersten
Blick heterogen. Was sie verbindet, ist das Denken in Netzwerken,
eine gemeinsame methodische Sprache – Netzwerkanalyse,
agentenbasierte Modellierung, Datenwissenschaft, angewandte
Mathematik. Und eine positive gesellschaftliche Wirkung als Ziel.
WISSENSCHAFT, DIE WIRKT
„Wir betreiben Wissenschaft, um echte gesellschaftliche Probleme
zu lösen – keine akademischen Rätsel“ , fasst Thurner zusammen.
So half eine Methode, mit der Geldflüsse zwischen
Kryptowährungsadressen rekonstruiert werden konnten, den Bayerischen
Strafverfolgungsbehörden dabei rund 370.000 kriminelle Seiten im
Darknet auf einen einzelnen mutmaßlichen Täter zurückzuführen und
stillzulegen – und damit einen der bislang größten Coups in diesem
abgeschirmten Teil des Internets zu erzielen.
Ein anderes Team arbeitet daran, die Geschichte gewissermaßen zu
quantifizieren. Sie konnten Bedingungen identifizieren, die in
Gesellschaften über die Menschheitsgeschichte hinweg zu Instabilität
führten – darunter die Überproduktion von Eliten, also wenn eine
Gesellschaft mehr gut ausgebildete, nach Spitzenpositionen strebende
Menschen hervorbringt, als es Spitzenpositionen gibt.
Zudem gelang es Forschenden ein Eins-zu-eins-Modell einer ganzen
Volkswirtschaft zu erstellen – nicht auf Branchenebene, sondern auf
Firmenebene, was einen nahezu atomaren Einblick in wirtschaftliche
Strukturen und ihre Wechselwirkungen ermöglicht. Ähnliches gelang mit
Millionen von medizinischen Daten, wo Krankheitsverläufe über ein
ganzes Leben hinweg identifiziert wurden.
„Und wir sind heute auf dem besten Weg, menschliche
Gesellschaften ebenso gut zu verstehen, wie den menschlichen Körper“,
erklärt Thurner. „So wie die Medizin erst wirklich heilen konnte, als
sie verstand, wie Organe zusammenwirken, können wir gesellschaftliche
Dynamiken erst verstehen, wenn wir ihre Wechselwirkungen kennen –
möglichst alle. Jetzt haben wir erstmals die Daten und Methoden
dafür.“
NEUE ÄRA
„Die Komplexitätswissenschaft sieht heute anders aus als vor zehn
Jahren“, sagt Thurner. „Hypothesen können getestet, Modelle an realen
Systemen überprüft werden. Der nächste Schritt ist nicht mehr nur das
Verstehen – sondern das gezielte Eingreifen. Komplexe Systeme so
verändern, dass sie sich in die gewünschte Richtung entwickeln.“ Die
größte Herausforderung liege dabei oft nicht im Mangel an Daten,
Rechenleistung oder Wissen. Sondern darin, die Verbindungen zu
verstehen, die alles miteinander verknüpfen. „Wir wollen am
Complexity Science Hub eine Tradition etablieren und eine Generation
ausbilden, die diese Herausforderungen proaktiv mitgestalten kann“.
Der CSH hat in den zehn Jahren seines Bestehens die Welt ein
Stück messbarer gemacht. Das ist, in der guten Tradition der
Wissenschaft, ein Anfang. „Nun blicken wir sehr gespannt in die
Zukunft“, so Thurner.
ZUM JUBILÄUM
Gefeiert wird das 10-jährige Jubiläum des Complexity Science Hub
heute gemeinsam mit rund 200 Gästen, darunter auch Bundesministerin
Eva-Maria Holzleitner.
Begleitet wird der Anlass von einer Jubiläumspublikation unter
dem Titel „It’s the Complexity, Stupid“ – in Anlehnung an James
Carville, der 1992 Bill Clintons Wahlkampf mit „It’s the economy,
stupid“ auf das Wesentliche einschwor. „Komplexität ist die Bedingung
dafür, die Welt von heute überhaupt verstehen zu können“, so Thurner.
„Und dieses Buch gibt einen Einblick, was zehn Jahre konsequentes
Fragen danach hervorgebracht haben.“
ÜBER DEN COMPLEXITY SCIENCE HUB
Der Complexity Science Hub (CSH) ist Europas wissenschaftliches
Zentrum zur Erforschung komplexer Systeme. Mitglieder des CSH sind
AIT Austrian Institute of Technology, BOKU University, Central
European University (CEU), IT:U Interdisciplinary Transformation
University Austria, Medizinische Universität Wien, TU Wien, TU Graz,
Universität für Weiterbildung Krems, Vetmeduni Wien, WU (
Wirtschaftsuniversität Wien) und Wirtschaftskammer Österreich (WKO).
csh.ac.at





