Wien (OTS) – Die aktuelle Diskussion über einen besseren Schutz von
Frauen nach
einer Fehlgeburt rückt ein Thema in den Mittelpunkt, das trotz seiner
Häufigkeit noch immer mit einem gesellschaftlichen Tabu verbunden
ist. Für Priv.-Doz. DDr. Michael Feichtinger, Leiter des Wunschbaby
Instituts Feichtinger, ist die Debatte deshalb wichtig. Neben der
Frage, wie viel Zeit Frauen nach einem Schwangerschaftsverlust
benötigen, müsse aber auch die medizinische Seite stärker in den
Fokus rücken.
„Eine Fehlgeburt ist leider keine medizinische
Ausnahmeerscheinung. Schwangerschaftsverluste kommen häufig vor,
insbesondere sehr frühe Fehlgeburten bleiben oftmals sogar unbemerkt.
Für eine Frau oder ein Paar, das sich auf ein Kind gefreut hat, kann
der Verlust dennoch eine enorme psychische Belastung darstellen. Das
gilt unabhängig davon, in welcher Schwangerschaftswoche er passiert“,
erklärt Feichtinger.
Zwtl.: Fehlgeburten sind häufig – aber noch immer ein Tabuthema
Gerade weil kaum über Fehlgeburten gesprochen wird, erleben viele
Frauen den Verlust als etwas Außergewöhnliches und suchen die Ursache
zunächst bei sich selbst. Dabei gehören frühe
Schwangerschaftsverluste zur menschlichen Fortpflanzung und können
unterschiedliche Ursachen haben.
„Viele Patientinnen fragen uns nach einer Fehlgeburt als Erstes:
Was habe ich falsch gemacht? Diese Frage zeigt, wie groß die
psychische Belastung sein kann. Wichtig ist mir deshalb die
Botschaft: Eine Fehlgeburt bedeutet nicht automatisch, dass eine Frau
keine gesunde Schwangerschaft mehr haben kann“, so Feichtinger.
Die psychische Belastung kann besonders groß sein, wenn der
Kinderwunsch bereits länger besteht oder einer Schwangerschaft
medizinische Behandlungen vorausgegangen sind.
Zwtl.: Wiederholte Fehlgeburten sollten medizinisch abgeklärt werden
Während einzelne frühe Fehlgeburten häufig vorkommen können,
empfiehlt Feichtinger insbesondere bei wiederholten
Schwangerschaftsverlusten eine gezielte medizinische Abklärung.
Dabei können je nach individueller Situation unterschiedliche
Faktoren untersucht werden. Dazu zählen unter anderem genetische
Ursachen, hormonelle Faktoren sowie anatomische Veränderungen. Auch
beide Partner sollten in die Ursachenforschung einbezogen werden.
Ein besonderer Schwerpunkt des Wunschbaby Instituts Feichtinger
liegt seit vielen Jahren auf der Reproduktionsgenetik. In früheren
wissenschaftlichen Arbeiten des Instituts wurden genetische
Auffälligkeiten bei einem hohen Anteil der untersuchten Fehlgeburten
festgestellt.
„Gerade nach mehreren Fehlgeburten sollten Paare nicht das Gefühl
haben, sie müssten es einfach immer wieder versuchen und auf mehr
Glück beim nächsten Mal hoffen. Wir können heute eine Reihe möglicher
Ursachen untersuchen. Finden wir einen Grund, können wir in
bestimmten Fällen die weitere Behandlung gezielt darauf abstimmen“,
erklärt Feichtinger.
Zwtl.: Kinderwunschmedizin kann helfen, Risiken zu erkennen
Welche Untersuchungen sinnvoll sind, muss immer individuell
entschieden werden. In bestimmten Konstellationen können genetische
Untersuchungen der Eltern, der Eizellen oder – im Rahmen der
gesetzlichen Voraussetzungen – der Embryonen Teil einer
weiterführenden Diagnostik sein. Das Wunschbaby Institut Feichtinger
beschäftigt sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit genetischen
Ursachen von Fehlgeburten.
Feichtinger warnt allerdings davor, betroffenen Frauen zu
vermitteln, jede Fehlgeburt ließe sich verhindern.
„Wir können leider nicht jede Fehlgeburt verhindern und sollten
Frauen auch keine falschen Versprechen machen. Aber insbesondere bei
wiederholten Fehlgeburten gibt es heute diagnostische Möglichkeiten,
mit denen wir nach möglichen Ursachen suchen und daraus
gegebenenfalls eine individuelle Behandlungsstrategie ableiten
können.“
Zwtl.: „Die psychische und die medizinische Seite gehören zusammen“
Die derzeitige öffentliche Diskussion über Freistellung und
Mutterschutz nach Fehlgeburten hält Feichtinger auch deshalb für
relevant, weil sie das Thema aus der Tabuzone holt.
„Es ist selbstverständlich wichtig, Frauen nach einer Fehlgeburt
Raum für körperliche und psychische Erholung zu geben. Gleichzeitig
dürfen wir die Frauen mit der Frage nach dem Warum nicht alleine
lassen. Psychische Unterstützung und medizinische Abklärung sind kein
Widerspruch. Beides gehört zu einem verantwortungsvollen Umgang mit
Schwangerschaftsverlusten“, betont Feichtinger.
Die aktuelle gesellschaftliche Debatte könne deshalb eine Chance
sein, Fehlgeburten insgesamt stärker ins Bewusstsein zu rücken.
„Wir sollten erreichen, dass Frauen über eine Fehlgeburt sprechen
können, ohne Scham und ohne Schuldgefühle. Und sie sollten wissen:
Wenn Fehlgeburten wiederholt auftreten, gibt es spezialisierte
Kinderwunschmedizinerinnen und -mediziner, an die sie sich wenden
können. Nicht immer finden wir eine Ursache und nicht jede Fehlgeburt
lässt sich verhindern. Aber wir können heute wesentlich genauer
hinschauen als noch vor einigen Jahren.“