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35 Jahre danach: Als die Vermessung entschied, wo Ötzi gefunden wurde

Wien (OTS) – Im September 1991 taute am Hauslabjoch in den Ötztaler
Alpen eine
rund 5.300 Jahre alte Mumie aus dem Eis. Doch lag der Fundort in
Österreich oder Italien? Die Antwort lieferte das BEV. 35 Jahre
später erinnert sich der Vermesser Dipl.-Ing. Helmut Meissner an die
Arbeiten in eisiger 3200m Höhe.

Es ist einer jener Funde, die Geschichte schreiben: Im September
1991 taucht im ewigen Eis der Ötztaler Alpen eine rund 5.300 Jahre
alte Mumie auf. Schnell wird klar, dass der Fund nicht nur
Archäologinnen und Archäologen beschäftigt. Denn eine entscheidende
Frage ist zunächst ungeklärt: Auf welcher Seite der Staatsgrenze
wurde der „Mann vom Hauslabjoch“ tatsächlich gefunden?

Um diese Frage zu beantworten, wird das Bundesamt für Eich- und
Vermessungswesen – BEV hinzugezogen. Bei eisigen Temperaturen und
schwierigen Wetterbedingungen machen sich Vermesser des BEV auf den
Weg zur hoch gelegenen Fundstelle. Mit präzisen geodätischen
Messungen sollen sie klären, wo die Fundstelle im Verhältnis zur
österreichisch-italienischen Staatsgrenze liegt.

Das Ergebnis ist eindeutig und sorgt auch abseits der Fachwelt
für Aufsehen: Ötzi wurde nicht in Österreich, sondern rund 92 Meter
von der Grenzlinie entfernt auf italienischem Staatsgebiet gefunden.
35 Jahre später erinnert sich der mittlerweile pensionierte BEV-
Vermesser Dipl.-Ing. Helmut Meissner an einen außergewöhnlichen
Einsatz, an schwierige Messbedingungen und an einen Moment, in dem
Vermessungsgeschichte und Zeitgeschichte unmittelbar
aufeinandertrafen.

Zwtl.: Vermessung schafft Klarheit

Die Fundstelle befindet sich am Hauslabjoch in den Ötztaler
Alpen. Nach der Bergung der Mumie wurde das BEV, genauer die
Abteilung Staatsgrenzen, mit der geodätischen Bestimmung des
Fundortes und seiner Lage zur Staatsgrenze beauftragt. Als
Ausgangspunkt für die Messungen diente das Grenzzeichen b-35 auf rund
3.283 Metern Seehöhe. Zum Einsatz kamen ein Theodolit des Typs WILD
T2 sowie ein Distanzmessgerät AGA 14. Der Abgleich der erhobenen
Messwerte mit den Ergebnissen der Neuvermessung aus dem Jahr 1973
zeigte eine sehr gute Übereinstimmung. Das Ergebnis der Vermessung
war klar: Die Fundstelle des „Mannes vom Hauslabjoch“ liegt rund 92
Meter von der Staatsgrenze entfernt auf italienischem Staatsgebiet.
In diesem Abschnitt verläuft die Grenze geradlinig zwischen den
Grenzzeichen b-35 und b-36.

Zwtl.: Eine Frage des Völkerrechts

Der Fund löste eine völkerrechtliche Diskussion aus. Die
österreichisch-italienische Staatsgrenze war im Staatsvertrag von
Saint-Germain-en-Laye vom 10. September 1919 als Wasserscheide
zwischen den Einzugsgebieten von Inn und Etsch definiert worden; der
tatsächlich vermarkte Grenzverlauf folgte jedoch nicht überall dieser
Wasserscheide. Damit stellte sich die Frage, welche Linie
völkerrechtlich verbindlich sei. In einer interministeriellen
Besprechung am 17. Dezember 1991 wurde festgestellt, dass die
Grenzziehung am Hauslabjoch nach den Grundsätzen des Völkerrechts
anzuerkennen ist. Unbestritten blieb dabei stets, dass der „Mann vom
Hauslabjoch“ als „Homo tyrolensis“ kulturhistorisch dem Tiroler und
zentraleuropäischen Raum zuzurechnen ist – während hingegen der
Fundort selbst auf italienischem Staatsgebiet liegt.

Zwtl.: Auf 3.000 Metern: „Es lag ein Knistern in der Luft“

35 Jahre später erzählt Dipl.-Ing. Helmut Meissner von den
Arbeiten des BEV rund um die Vermessungsarbeiten zum Fundort des
„Mannes von Similaun“.

Am Montag, den 30. September 1991, erhielt Dipl.-Ing. Manfred
Neubauer, Mitarbeiter der Abteilung Staatsgrenze, vom Leiter der
Gruppe Kataster den mündlichen Dienstauftrag an den
Vermessungsarbeiten teilzunehmen. In Begleitung von Dipl.-Ing. Helmut
Meissner, Sachbearbeiter der Abteilung Staatsgrenze für die
Staatsgrenze Österreich-Italien, reiste er nach Imst, wo sie Dipl.-
Ing. Georg Friedl, Außendienststellenleiter für Tirol und Vorarlberg
der damaligen Triangulierungsabteilung, trafen und den Einsatz der
Arbeitsgruppe des BEV besprachen.

Aufgrund der schlechten Wetterlage konnten sie erst am Mittwoch,
den 2. Oktober, mit einem Hubschrauber des BMI zur Fundstelle auf den
Similaun hinauffliegen. Oben angekommen war es windig und hatte etwa
minus 8 Grad – nicht optimale Bedingungen. Rund um die markierte
Fundstelle begannen die Vermessungsarbeiten, die sich als anstrengend
gestalteten, da sich die 3 Grenzplatten im Bereich der Fundstelle in
stark ansteigenden Höhen befinden. Nachdem die drei Punkte
eingemessen waren, war den BEV Mitarbeitern schnell klar: die
Fundstelle liegt nicht in Österreich. Nach und nach trafen immer mehr
Leute an der Fundstelle ein, „es war eine spannende Stimmung zu
spüren, es lag ein Knistern in der Luft,“ erinnert sich Meissner.

Unter den vielen Leuten war auch ein Carabinieri, der mitteilte,
dass die italienischen Vermesser aufgrund der schlechten Wetterlage
per Auto über den Brenner anreisen und daher erst am nächsten Tag
ihre Vermessungsarbeiten aufnehmen könnten. Also flog die BEV-
Delegation mit einem Hubschrauber des ORF mit der einbrechenden
Dämmerung nach Abschluss der mehrstündigen Vermessungsarbeiten wieder
ins Tal nach Vent. Dort trafen sie auf eine italienische Delegation
mit dem Leiter der italienischen Grenzkommission, den damaligen
Leiter des Istituto Geografico Militare Florenz. Nachdem für die
italienische Delegation der Flug auf den Berg nicht möglich war, da
der Hubschrauber des BMI nicht mehr genügend Sprit hatte und es schon
zu dunkel war, setzen sich alle zusammen in einem Gasthaus zur
Auswertung und Anfertigung einer Lageskizze zusammen.

Meissner erzählt von einem fast unheimlichen Moment: Genau in der
Sekunde als die italienische Delegation durch die
Vermessungsergebnisse der Mitarbeiter des BEV klar wurde, dass der
Fundort in Italien liegt, wurde von Radio Tirol die Meldung darüber
in die Gaststube übertragen. Unter den Gästen in dem Lokal machte
auch langsam die Runde, dass an diesem Tisch die Vermesser des BEV
sitzen, „worauf ein Einheimischer zu uns gekommen ist und halb
scherzhaft und halb ernst gemeint hat, dass sie uns jetzt nicht mehr
weglassen, wenn wir ihnen den Ötzi wegnehmen wollen“, erinnert sich
Meissner.

Der historische Fund des „Mannes im Eis“, der wenig später unter
dem Namen „Ötzi“ weltberühmt werden sollte – die Bezeichnung geht
übrigens auf den Journalisten Niki Glattauer zurück –, ist auch 35
Jahre später untrennbar mit der Arbeit des BEV verbunden. Mit ihren
präzisen Vermessungen leisteten die Mitarbeiter der Abteilung
Staatsgrenzen einen entscheidenden Beitrag zur Klärung einer Frage,
die unmittelbar nach dem Fund für Aufsehen sorgte: Auf welchem
Staatsgebiet wurde Ötzi tatsächlich gefunden? Das Ergebnis war
eindeutig – der Fundort liegt auf italienischem Staatsgebiet.

Zur Person:

Dipl.-Ing. Helmut Meissner

· November 1989 – Eintritt ins BEV

· Leiter der technischen Gruppen, Verwaltung der Staatsgrenzen zu
Italien, Deutschland, Schweiz, Liechtenstein (zwischendurch auch 10
Jahre lang die Staatsgrenze zu Tschechien)

· Bis zum Pensionsantritt am 01.09.2022