Wien (OTS) – Die Bundesjugendvertretung (BJV) warnt anlässlich des
Tags der Jugend
davor, dass der geplante Ausbau der Medien- und Demokratiebildung
junge Menschen nicht ausreichend auf die Herausforderungen
vorbereitet, die zunehmend die Demokratie gefährden. „Ob steigende
Sympathien für autoritäre Positionen, zunehmender Extremismus oder
undurchsichtige Social-Media-Algorithmen – die Liste der
Herausforderungen ist lang“, betont BJV-Vorsitzende Lejla Visnjic.
Dass Politische Bildung derzeit nur in der AHS-Oberstufe und
nicht in allen Schultypen gestärkt wird, greift zu kurz. Dazu kommt,
dass auch der geplante Stundenumfang nicht ausreicht, um die
wichtigen Inhalte der vorliegenden Lehrpläne ausführlich zu
vermitteln. Das zeigt sich nach Ende der Begutachtungsfrist für die
Verordnung zu den neuen Fächern „Medien und Demokratie“ sowie
„Informatik und Künstliche Intelligenz“, so Visnjic: „Junge Menschen
sind demokratiegefährdenden Entwicklungen heute oft ungefiltert
ausgeliefert. Es braucht einen viel breiteren Ausbau der politischen
Bildung und Medienkompetenz. Die vorliegenden Pläne werden den
Problemen schlichtweg nicht gerecht“, so Visnjic.
Geringes Vertrauen in das politische System
Studien wie die Jugendauswertung des Demokratie Monitors zeigen
seit Jahren, dass das Vertrauen der Jugend in die Politik schwindet.
Waren 2018 noch 69 Prozent der 16- bis 26-Jährigen davon überzeugt,
dass das politische System gut funktioniert, sind es jetzt nur noch
44 Prozent. Gleichzeitig zeigt die jüngste „Lebenswelten“-Studie der
Pädagogischen Hochschulen, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen
der Aussage zustimmt, dass „eine starke Hand einmal Ordnung in den
Staat bringen sollte“.
Das sind Daten, die deutliche Warnsignale für die Politik sein
sollten, sagt BJV-Vorsitzender Ahmed Naief: „Genau diesen
Entwicklungen können wir nur mit einem eigenen Fach entgegenwirken,
das sich ausschließlich der politischen Bildung widmet. Junge
Menschen müssen lernen, wie Demokratie funktioniert und wie sie diese
aktiv mitgestalten können.“
Der Ablauf politischer Prozesse, Grund- und Menschenrechte,
historische Zusammenhänge, gesellschaftliche Vielfalt und Formen der
Beteiligung – all das muss ausreichend Platz im Stundenplan finden.
„Außerdem muss sichergestellt sein, dass die Vermittlung von
politischer Bildung kein reines Theoriefach wird. Es braucht
Angebote, die Demokratie nicht nur erklären, sondern auch erlebbar
machen“, so Naief weiter.
„Politische Bildung“ in allen Schulformen und mehr Beteiligung
Ein eigenes Unterrichtsfach würde auch ein Anliegen junger
Menschen aufgreifen, die in diversen Studien seit Jahren darauf
hinweisen, dass die politische Bildung in Schulen mangelhaft ist. Je
nach Schulstandort und Lehrpersonal lernen Schüler*innen derzeit
politische Bildung in ganz unterschiedlichem Ausmaß. Auch die neuen
Lehrpläne sehen weiterhin viel Gestaltungsspielraum vor. Dieser darf
aber nicht erneut zu denselben Unterschieden führen.
„Junge Menschen wünschen sich mehr politische Bildung. Sie wollen
kontroverse Themen, die die Gesellschaft bewegen, diskutieren und
sich eine eigene Meinung dazu bilden können – und sie wollen an der
Schule mitbestimmen. Daher fordern wir, ,Politische Bildung‘ bereits
ab der Unterstufe in allen Schulformen zu verankern und verbindliche
Möglichkeiten der Mitbestimmung zu schaffen, etwa durch
Schulparlamente direkt am Schulstandort“, so BJV-Vorsitzender Moritz
Mittermann.
Social-Media-Verbot allein löst keine Probleme
Auch bei der Medienbildung muss nachgebessert werden.
Grundsätzlich begrüßt die BJV, dass suchtfördernde Mechanismen auf
Social-Media-Plattformen verboten werden sollen, um Kinder und
Jugendliche zu schützen. Die Zeit, bis junge Menschen soziale Medien
nutzen dürfen, sollte jedoch viel stärker dafür genutzt werden, sie
auf den digitalen Raum vorzubereiten. Dazu gehört etwa, dass sie
lernen, Fake News von Fakten zu unterscheiden und sich vor
Manipulation im Internet zu schützen.
Das Fach „Informatik und Künstliche Intelligenz“ legt den
Schwerpunkt jedoch eher auf technische Grundlagen. Die Frage, wie KI
die Gesellschaft, demokratische Prozesse und den Alltag junger
Menschen beeinflussen kann, sollte noch stärker thematisiert werden,
kritisiert BJV-Vorsitzende Anna Schwabegger: „Social Media und KI
gehören zum Leben junger Menschen dazu. Sie informieren sich dort,
vernetzen sich und tauschen sich aus. Deshalb müssen sie die nötigen
Kompetenzen erwerben, um sich online kritisch und selbstbestimmt
bewegen zu können. Besonders die gesellschaftspolitischen Fragen, die
mit KI einhergehen, dürfen dabei auf keinen Fall fehlen.“
Deshalb schlägt die BJV die Einführung eines Fokusjahres
„Medienkompetenz“ in der 6. Schulstufe vor, in dem der Einfluss von
Social Media und KI sowie die dafür notwendigen Kompetenzen gezielt
vermittelt und vertieft werden.
Jugendlichen gerechte politische Teilhabe ermöglichen
Abschließend appelliert das BJV-Vorsitzteam an die Regierung,
jungen Menschen mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten einzuräumen. „Wenn
alle Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gerechte
Möglichkeiten zur Mitgestaltung erhalten, stärkt das ihr Vertrauen,
dass ihre Anliegen ernst genommen werden. Eine lebendige Demokratie
braucht alle Stimmen“, so das BJV-Vorsitzteam.