Wien (OTS) – Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Österreich ist
im ersten
Halbjahr 2026 gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres leicht
um 1,6% auf 3.443 Fälle zurückgegangen. Damit setzt sich zwar die
Dynamik der starken Insolvenzwelle der vergangenen Jahre nicht weiter
fort, das Niveau bleibt jedoch historisch hoch. Durchschnittlich
mussten damit auch im ersten Halbjahr rund 29 Unternehmen pro Werktag
Insolvenz anmelden.
„Der leichte Rückgang ist zweifellos ein positives Signal. Von
einer nachhaltigen Entspannung kann jedoch keine Rede sein. Die
österreichische Wirtschaft befindet sich weiterhin in einer Phase der
Konsolidierung. Viele Unternehmen kämpfen nach wie vor mit schwacher
Nachfrage, hohen Personal- und Energiekosten sowie einer insgesamt
angespannten Ertragslage“ , erklärt Gerhard M. Weinhofer,
Geschäftsführer des Gläubigerschutzverbandes Österreichischer Verband
Creditreform.
Die aktuelle Entwicklung zeige, dass sich die Unternehmen
zunehmend an das schwierige wirtschaftliche Umfeld angepasst hätten.
Gleichzeitig würden aber nach wie vor jene Betriebe ausscheiden,
deren Eigenkapitalbasis durch die Krisen der vergangenen Jahre
nachhaltig geschwächt worden sei.
„Die Zahl der Insolvenzen sinkt zwar leicht, bewegt sich aber
weiterhin auf einem Niveau, das deutlich über dem langjährigen
Durchschnitt der Vor-Pandemiejahre liegt. Von einer Insolvenzwelle
kann man heute nicht mehr sprechen – wohl aber von einem dauerhaft
erhöhten Insolvenzgeschehen,“ so Weinhofer.
Zwtl.: Wien bleibt Insolvenz-Hotspot
Regional zeigen sich erhebliche Unterschiede. Mit 1.313
Unternehmensinsolvenzen entfielen weiterhin mehr als ein Drittel
aller österreichischen Firmeninsolvenzen auf Wien. Trotz eines
minimalen Rückgangs gegenüber dem Vorjahr weist die Bundeshauptstadt
mit einer Insolvenzquote von 15,9 Insolvenzen je 1.000 Unternehmen
unverändert den höchsten Wert Österreichs auf.
Besonders deutlich nahmen die Insolvenzen dagegen in
–
Kärnten (+13,3 %),
–
Vorarlberg (+37,5 %),
–
Niederösterreich (+5,8 %)
–
sowie Oberösterreich (+3,9 %) zu.
Demgegenüber verzeichneten Tirol (-39,9 %) und Salzburg (-17,9 %)
die stärksten Rückgänge.
„Die regionalen Unterschiede spiegeln die jeweilige
Wirtschaftsstruktur wider. Ballungsräume weisen naturgemäß höhere
Insolvenzraten auf als ländlich geprägte Regionen. Auffällig bleibt
jedoch, dass einzelne Bundesländer trotz schwieriger Konjunktur
wieder sinkende Insolvenzzahlen verzeichnen“ , fasst Weinhofer den
Bundesländertrend zusammen.
Zwtl.: Bauwirtschaft bleibt Sorgenkind
Die Branchenentwicklung bestätigt, dass insbesondere das Bauwesen
weiterhin unter erheblichem wirtschaftlichem Druck steht.
Mit 458 Insolvenzen entfiel nach dem Handel und den
unternehmensbezogenen Dienstleistungen die höchste Zahl aller
Verfahren erneut auf die konjunkturwichtige Bauwirtschaft. Die
Insolvenzquote liegt dort bei 19 Insolvenzen je 1.000 Unternehmen und
zählt damit zu den höchsten aller Wirtschaftsbereiche.
Auch das Beherbergungs- und Gaststättenwesen entwickelte sich mit
einem Plus von 5,7% neuerlich negativ. Trotz einer guten Auslastung
belasten steigende Personal-, Energie- und Finanzierungskosten
zahlreiche Betriebe.
Demgegenüber gingen die Insolvenzen in der
–
Sachgütererzeugung/Industrie (-9,9%),
–
im Handel (-11,2%),
–
bei den unternehmensbezogenen Dienstleistungen (-4,7%)
–
sowie im Kredit- und Versicherungswesen (-23,4%)
teilweise deutlich zurück.
Besonders bemerkenswert bleibt die Insolvenzquote im Bereich
Verkehr und Nachrichtenübermittlung. Mit 23,3 Insolvenzen je 1.000
Unternehmen weist diese Branche österreichweit das höchste
Insolvenzrisiko auf.
„Vor allem Branchen mit hoher Kostenbelastung und geringem
Preissetzungsspielraum stehen weiterhin unter erheblichem
wirtschaftlichem Druck. Das gilt insbesondere für Bau, Transport und
Teile des Tourismus“ , so Weinhofer.
Zwtl.: GmbH dominiert weiterhin das Insolvenzgeschehen
Die mit Abstand meisten Insolvenzverfahren betreffen weiterhin
Gesellschaften mit beschränkter Haftung.
Im ersten Halbjahr 2026 entfielen
–
1.532 Insolvenzen auf GmbHs,
–
1.338 Verfahren auf nicht protokollierte Gewerbebetriebe,
–
184 Verfahren auf Einzelunternehmen.
Während die Zahl der GmbH-Insolvenzen leicht zurückging (-3,9%),
nahmen die Insolvenzen bei nicht protokollierten Gewerbebetrieben um
5,1% zu.
Deutlich rückläufig entwickelten sich die Insolvenzen bei
Einzelunternehmen (-15,6%) sowie bei GmbH & Co KGs (-42,4%).
Erstmals treten auch Insolvenzen der neuen Flexiblen
Kapitalgesellschaft (FlexKapG) statistisch in Erscheinung, und zwar
mit einem rekordverdächtigen Zuwachs um 350%. Aufgrund der noch sehr
geringen Fallzahlen (9 Verfahren) lässt sich daraus allerdings noch
kein belastbarer Trend ableiten. Gläubiger sei aber allemal zur
Vorsicht geraten, wenn sie mit einem Geschäftspartner dieser
Gesellschaftsform mit geringerem Stammkapital und damit Haftungsfonds
zu tun haben.
Zwtl.: Großinsolvenzen gehen zurück, mehr KMU betroffen
Auch im ersten Halbjahr 2026 kam es wieder zu mehreren größeren
Insolvenzen. Nach der Zahl der betroffenen Arbeitnehmer war die
Insolvenz der WOLLSDORF LEDER SCHMIDT & Co. Ges.m.b.H. mit 361
Beschäftigten die größte Unternehmensinsolvenz des ersten Halbjahres.
Nach den Verbindlichkeiten führte die Insolvenz der Laura
Privatstiftung mit Passiva von rund 1,07 Milliarden Euro die
Statistik an.
„Großinsolvenzen prägen regelmäßig die öffentliche Wahrnehmung.
Tatsächlich besteht das Insolvenzgeschehen aber überwiegend aus
kleinen und mittleren Unternehmen, deren wirtschaftliche
Schwierigkeiten oftmals weit weniger öffentlich wahrgenommen werden“
, analysiert Weinhofer.
Zwtl.: Zum aktuellen Thema Insolvenzfonds
Die Gesetzeslage §12 Abs 3 iVm §18 Abs 3 ISG ist klar: Die
Sozialministerin hat den Auftrag, dass der Fonds seine Anforderungen
erfüllen kann und hat die Verordnungskompetenz den Beitrag
entsprechend (nach oben) anzupassen. Es ist eine ausschließlich
politische Entscheidung. Es stellt sich aber in Zeiten des
Sparzwanges und klammer Budgets schon die Frage, ob man den
Leistungszeitraum (6 Monate vor Insolvenz) und die Deckelung der
Leistung (Ꞓ 13.860 brutto pro Monat, i.e. zweifache
Höchstbemessungsgrundlage der Sozialversicherung) nicht – sozial
gestaffelt – nach unten anpassen könnte. Dringender sind aber
insolvenzvermeidende wirtschaftspolitische Maßnahmen.
Zwtl.: Ausblick
Creditreform erwartet für das zweite Halbjahr keine grundlegende
Veränderung des Insolvenzgeschehens. Die Konjunktur dürfte sich zwar
langsam stabilisieren, gleichzeitig bleiben Finanzierungskosten,
schwache Investitionsbereitschaft und geopolitische Unsicherheiten
belastende Faktoren.
Dazu Weinhofer: „Wir rechnen für das Gesamtjahr 2026 mit einer
Seitwärtsbewegung auf hohem Niveau. Die österreichischen Unternehmen
haben ihre Widerstandsfähigkeit erhöht, gleichzeitig bleibt das
wirtschaftliche Umfeld anspruchsvoll. Eine Rückkehr auf das (niedrige
) Insolvenzniveau der Vor-Krisenjahre ist derzeit nicht in Sicht.“