Präeklampsie: Blutdrucksenkung allein reicht nicht aus

Wien (OTS) – Präeklampsie wird heute nicht mehr als isolierte
Schwangerschafts-
komplikation, sondern als wichtiger Risikofaktor für spätere Herz-
Kreislauf-Erkrankungen betrachtet. Dennoch stellt die
Blutdruckkontrolle weiterhin die zentrale Therapiemaßnahme dar. Eine
internationale Studie unter Leitung der MedUni Wien zeigt nun
erstmals, dass die derzeit praktizierte medikamentöse
Blutdrucksenkung die langfristigen Beeinträchtigungen des
mütterlichen Herz-Kreislauf-Systems nicht entscheidend beeinflusst.
Die im Fachjournal Hypertension publizierten Ergebnisse verdeutlichen
somit die Notwendigkeit neuer therapeutischer Ansätze und Strategien,
um die kardiovaskuläre Gesundheit der betroffenen Mütter zu
verbessern.

In die Studie wurden insgesamt 238 Frauen eingeschlossen,
darunter 132 Frauen mit hypertensiven, also mit Bluthochdruck
assoziierten, Schwangerschaftserkrankungen (69 mit sogenanntem
Schwangerschaftshochdruck und 63 mit Präeklampsie) sowie 106 gesunde
Kontrollpersonen. Die Frauen wurden im Rahmen eines klinischen
Settings mit blutdrucksenkenden Medikamenten behandelt und
hinsichtlich wesentlicher Parameter der Herz-Kreislauf-Funktion
untersucht. Dazu zählen das Herzzeitvolumen, ein Indikator für die
Pumpleistung des Herzens, sowie der systemische Gefäßwiderstand, ein
wichtiger Faktor für die Herzbelastung.

Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild: Bei
Schwangerschaftshochdruck führte die blutdrucksenkende Therapie zum
gewünschten Anstieg des Herzzeitvolumens und zu einer Abnahme des
Gefäßwiderstands. Bei Präeklampsie hingegen blieb eine Verbesserung
dieser kardiovaskulären Parameter in relevantem Ausmaß aus, obwohl
der Blutdruck gesenkt werden konnte. Die Behandlung beeinflusst somit
nur einen Teil des komplexen Krankheitsgeschehens.

Fokus auf Blutdruck greift zu kurz
„Unsere Studie macht deutlich, dass hypertensive
Schwangerschaftserkrankungen und insbesondere die Präeklampsie als
systemische Erkrankungen zu verstehen sind, bei denen mehrere
Komponenten der kardiovaskulären Regulation betroffen sind“, sagt
Studienleiterin Julia Binder (Leiterin der Arbeitsgruppe für
hypertensive Schwangerschaftserkrankungen, Universitätsklinik für
Frauenheilkunde, Abteilung für Geburtshilfe und fetomaternale
Medizin, MedUni Wien). „Entsprechend sollte die Blutdruckmedikation
eventuell im Sinne einer personalisierten Therapie an die mütterliche
Herz-Kreislauffunktion angepasst werden – eine Standardtherapie für
alle ist anscheinend nicht zielführend. Weiters muss der Blutdruck
strenger als bisher eingestellt werden, in Guidelines der letzten
Jahre sind bereits tiefere Zielwerte gefordert.“

Präeklampsie tritt meist im zweiten oder dritten
Schwangerschaftsdrittel auf, zählt zu den schwerwiegendsten
Komplikationen in der Schwangerschaft und betrifft weltweit Millionen
Frauen. Die Erkrankung ist durch Bluthochdruck sowie eine erhöhte
Eiweißausscheidung im Urin gekennzeichnet und kann ohne rechtzeitige
Behandlung lebensbedrohlich verlaufen. Darüber hinaus haben
betroffene Frauen ein deutlich erhöhtes Risiko, im späteren Leben
Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall zu
entwickeln. Derzeit besteht die Therapie der Präeklampsie im
Wesentlichen in einer medikamentösen Blutdrucksenkung.

Die aktuelle Studie zeigt die Notwendigkeit weiterführender
therapeutischer Strategien auf, die über die reine Blutdruckkontrolle
hinausgehen. Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass
Präeklampsie-Patientinnen auch unter erfolgreicher
Blutdruckeinstellung weiterhin sorgfältig überwacht werden müssen:
„Unsere Studienergebnisse haben bestätigt, dass die kardiovaskulären
Veränderungen bei Präeklampsie auch dann noch bestehen, wenn das Baby
bereits auf der Welt ist, und dass sie zu einem langfristig erhöhten
Herz-Kreislauf-Risiko dieser Patientinnen führen. Nicht nur während
der Schwangerschaft, sondern auch in der Zeit nach der Geburt braucht
es daher gezielte Maßnahmen, um diesen Frauen zu einem weiteren
herzgesunden Leben zu verhelfen“, so Julia Binder.

Publikation: Hypertension
Effects of Antihypertensive Therapy on Pre- and Postnatal Maternal
Hemodynamics.
Julia Binder, Pilar Palmrich, Meryam Sugulle, Erkan Kalafat, Nawa
Schirwani-Hartl, Asma Khalil, Lorenz Pixner, Khaled Kantoush, Sarah
Michelle, Kristin Kraeker, Nadine Haase.
https://www.ahajournals.org/doi/10.1161/HYPERTENSIONAHA.125.26126