Wien (OTS) – Kernaussage: Aus Public-Health-Perspektive kann ein
stark reguliertes
Einzelanbieter-Modell Vorteile bieten, weil Spielerschutzmaßnahmen
einheitlich umgesetzt werden, Ausweichbewegungen zwischen Anbietern
verhindert werden und Aufsicht sowie Datenzugang erleichtert werden.
Voraussetzung ist allerdings eine wirksame Begrenzung des illegalen
Online-Marktes – etwa durch Zahlungsblockaden, Domain-Sperren und
Werbeverbote für nicht lizenzierte Anbieter – sowie durch zentrale
Sperrsysteme, verpflichtende Limits und Monitoring riskanten
Spielverhaltens im regulierten Markt. Mehr Lizenzen können zu
stärkerem Wettbewerb um Aufmerksamkeit führen. Internationale
Erfahrungen zeigen, dass dies häufig mit intensiverer Werbung und
stärkeren Spielanreizen verbunden ist. Die Forschung weist darauf
hin, dass solche Reize die Exposition gegenüber Glücksspiel erhöhen,
das Risiko problematischen Spielverhaltens steigern und insbesondere
bei Menschen mit Glücksspielproblematik Rückfälle begünstigen
können.“
Aus Sicht der Social City Wien und des Projekts Stadtmenschen
Wien und Dr. Dominik Batthyány von der Sigmund Freud
PrivatUniversität Wien muss die Regulierung des Online-Glücksspiels
am Schutz der Betroffenen ausgerichtet sein und nicht an
Marktlogiken. In unserer Arbeit begegnen wir Menschen mit Schulden,
finanzieller Überforderung, psychischer Belastung und familiären
Konflikten. Problematisches Glücksspiel erscheint dabei selten
isoliert, sondern meist als Teil einer sozialen Mehrfachbelastung.
Aus unserer Sicht spricht deshalb mehr für ein streng
kontrolliertes Einzelanbieter-Modell als für ein Mehrlizenzsystem im
Online-Casino-Bereich. Online-Casinospiele gelten international als
besonders riskant, weil sie rund um die Uhr verfügbar, hochgradig
individualisierbar und jederzeit am Smartphone erreichbar sind. Die
WHO verweist auf schwere gesundheitliche und soziale Folgen von
Glücksspielschäden, darunter finanzielle Krisen, Beziehungsabbrüche,
psychische Erkrankungen und Suizid. Glücksspielprobleme treffen zudem
regelmäßig auch Angehörige und das unmittelbare soziale Umfeld.
Ein Mehrlizenzsystem verschärft aus unserer Sicht genau jene
Dynamiken, die aus Spielerschutzsicht problematisch sind: mehr
Wettbewerb um Aufmerksamkeit, mehr Werbedruck, mehr Boni, mehr
Reaktivierung und mehr Anreize zur Intensivierung des Spielens. Die
Forschung zeigt konsistent, dass Glücksspielwerbung mit positiveren
Einstellungen zum Glücksspiel, stärkeren Spielabsichten und höherer
Spielaktivität zusammenhängt. Wer mehrere Online-Casino-Lizenzen
vergibt, erhöht daher das Risiko eines kommerzialisierten Wettbewerbs
zulasten des Schutzes von Spieler:innen.
Die Erfahrungen aus Deutschland zeigen, dass eine Marktöffnung
den illegalen Markt nicht automatisch reduziert. Ein zentrales
Problem des Online-Glücksspiels ist der große Anteil unregulierter
Angebote im Internet. Aus sucht- und versorgungswissenschaftlicher
Sicht ist entscheidend, dass Regulierung dort wirkt, wo Menschen
tatsächlich spielen. Daher geht es darum, wie ein regulierter Markt
gestaltet wird, damit Spielerschutz tatsächlich greift. Ein streng
reguliertes Einzelanbieter-Modell kann Vorteile bei Aufsicht und
Datenzugang haben. Gleichzeitig muss es den illegalen Markt wirksam
adressieren – etwa durch Sperrsysteme, Limits und Maßnahmen gegen
nicht lizenzierte Anbieter.
Ein glaubwürdiger Spielerschutz setzt daher voraus, dass
gleichzeitig wirksame Maßnahmen gegen illegale Anbieter bestehen,
etwa Zahlungsblockaden, Domain-Sperren, eine zentrale Spieler-
Sperrdatei, verpflichtende Einzahlungs- bzw. Verlustlimits sowie
Systeme zur Früherkennung riskanten Spielverhaltens. Trotz eines
aufwendigen Regulierungs- und Aufsichtssystems berichtet die
Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder weiterhin von einem
erheblichen illegalen Online-Markt. Das zeigt: Ein Mehrlizenzsystem
garantiert weder automatisch bessere Kanalisierung noch automatisch
besseren Spielerschutz. Für die Social City Wien ist daher klar:
Fairer Wettbewerb kann allenfalls um eine einzelne, strikt gebundene
Lizenz stattfinden und nicht zwischen mehreren Online-Casino-
Anbietern um dieselben vulnerablen Menschen.
Diese Schutzperspektive prägt auch unsere praktische Arbeit. Die
Stadtmenschen Wien bieten kostenlose, anonyme und niederschwellige
Orientierung im sozialen Hilfesystem. Im Bereich Spielerschutz wurde
dieses Angebot gemeinsam mit dem Wiener Hilfswerk und dem
Österreichischen Sportwettenverband ausgebaut und mit Fachwissen aus
Sucht- und Schuldenberatung verknüpft. Dominik Batthyány von der
Sigmund Freud PrivatUniversität Wien hat in diesem Zusammenhang die
Bedeutung von Vernetzung, früher Ansprache und gezielter
Weiterleitung an passende Fachstellen hervorgehoben.
Quellenbasis (Auswahl): BMF Österreich; WHO Fact Sheet Gambling;
GGL Tätigkeitsbericht 2024; EuGH Liga Portuguesa/Bwin und Markus
Stoß; Social City Wien / OSWV / Wiener Hilfswerk.




