Zero Discrimination Day: Aids Hilfe Wien ortet Wissenslücken im Gesundheitsbereich

Wien (OTS) – HIV ist heute medizinisch gut behandelbar und gilt als
chronische
Infektion. Dennoch erleben Menschen mit HIV weiterhin Diskriminierung
– besonders im Gesundheitswesen. Anlässlich des Zero Discrimination
Day am 1. März macht die Aids Hilfe Wien auf aktuelle Auswertungen
gemeldeter Diskriminierungsfälle aufmerksam. Sie zeigen deutlich:
Zwischen medizinischem Wissensstand und gelebter Praxis klafft nach
wie vor eine problematische Lücke.

Zwtl.: Gesundheitswesen bleibt Hauptschauplatz

Rund 60 Prozent aller gemeldeten Diskriminierungen betreffen das
Gesundheitswesen. Zwar ist der Anteil im Vergleich zum Vorjahr leicht
gesunken, eine grundlegende Verbesserung ist jedoch nicht erkennbar.
Die Vorfälle reichen von überzogenen Hygienemaßnahmen – etwa dem
Anziehen von für diese Situation medizinisch nicht notwendigen
Handschuhen nach Bekanntwerden einer HIV-Diagnose – bis hin zur
Verweigerung medizinischer Behandlungen. Dabei ist die medizinische
Faktenlage klar: Nach internationalen medizinischen Standards
erfordert die Behandlung von Menschen mit HIV keine zusätzlichen
Hygienemaßnahmen über die allgemeinen Hygieneregeln hinaus, die für
alle Patient*innen gelten.

„ Es ist erschütternd, dass Menschen mit HIV auch 2026 noch
Diskriminierung im Gesundheitssystem erleben – oft aufgrund von
falschen Annahmen, fehlendem Wissen oder veralteten Vorstellungen “,
sagt Dr.in Mirijam Hall, Vorsitzende der Aids Hilfe Wien. „ Der
medizinische Fortschritt ist eindeutig, kommt in der Praxis aber noch
lange nicht überall an .“

Viele Vorbehalte beruhen nachweislich auf Wissensmangel. Immer
wieder werden rechtliche Verpflichtungen angenommen, die nicht
existieren – etwa die Verpflichtung, eine HIV-Diagnose bei
Arztbesuchen offenzulegen. Auch unbegründete Unterstellungen,
Betroffene würden ihre Medikamente nicht zuverlässig einnehmen und
andere gefährden, sind nicht haltbar.

Zwtl.: Diskriminierung reicht bis ins Privatleben

Die Meldungen zeigen, dass Diskriminierung weiterhin am
häufigsten im Gesundheitswesen erlebt wird (59,09 %), gefolgt vom
Privat- und Freizeitbereich (15,91 %), während andere Bereiche
deutlich seltener genannt werden.

Im Privatbereich berichten Betroffene von Zurückweisung durch
Familie, Freund*innen oder ehemalige Partner*innen. Besonders
belastend sind polizeiliche Anzeigen (Gefährdung, Körperverletzung
u.a,) im Zuge konfliktreicher Trennungen – obwohl bei
kontinuierlicher Therapie-Einnahme keine Übertragungsgefahr von HIV
besteht. Denn das wissenschaftlich anerkannte Prinzip „U=U“ (
„undetectable = untransmittable“) besagt, dass Menschen mit HIV,
deren Viruslast dank der antiretroviralen Therapie unter der
Nachweisgrenze liegt, das Virus sexuell nicht übertragen. Auch wenn
solche Verfahren meist eingestellt werden, bedeuten sie für die
Betroffenen erhebliche psychische Belastungen und verstärken die
Stigmatisierung. Neu im Jahr 2026 ist, dass erstmals auch
Diskriminierungsmeldungen aus bislang unauffälligen Bereichen
eingegangen sind – darunter aus dem Bildungsbereich (Kindergarten/
Schule) und dem psychosozialen Bereich.

Was sich durch alle Meldungen zieht, ist die tiefe Verunsicherung
der Betroffenen. Viele reagieren schockiert, sind emotional stark
belastet und unsicher, welche Informationen sie preisgeben müssen.
Dennoch entscheiden sich viele bewusst dafür, Diskriminierung zu
melden – um andere vor ähnlichen Erfahrungen zu schützen.

Zwtl.: Erfolge zeigen: Aufklärung wirkt

Es gibt jedoch auch Fortschritte. Der Menschenrechtsbeirat der
Volksanwaltschaft hat festgestellt, dass Menschen mit HIV nicht mehr
pauschal vom Polizeidienst ausgeschlossen werden dürfen. Auch im
Bereich der Kinder- und Jugendarbeit konnte eine sachlich nicht mehr
gerechtfertigte Regelung gestrichen werden.

Zugleich steigt die Nachfrage nach Workshops der Aids Hilfe Wien
deutlich. Ärzt*innen und Gesundheitspersonal wenden sich zunehmend
aktiv an die Organisation, um Wissen für den medizinischen Alltag zu
vertiefen. Die Schulungen werden regelmäßig evaluiert und zeigen
messbare Wirkung beim Abbau von Ängsten und Vorurteilen.

Die zentrale Forderung der Aids Hilfe Wien zum Zero
Discrimination Day – dem von UNAIDS ins Leben gerufenen Aktionstag
gegen Diskriminierung – lautet daher:

„Der medizinische Fortschritt zu HIV ist längst Realität.
Entscheidend ist jedoch, dass dieses Wissen auch in Lehrplänen und im
Berufsalltag differenziert ankommt und konsequent angewendet wird.
Denn nur so kann sich eine Kultur des Respekts und der
Gleichbehandlung im Gesundheitswesen nachhaltig etablieren und
strukturelle Diskriminierung wirksam abgebaut werden.“